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Internationales Symposium Helmstedt: „Grenzen als internationales Problem“

Experten diskutierten über weltweite Grenzkonflikte

Von Sylvia Semmet und Christian Jung

 

Über neue internationale Grenzen und daraus resultierende Konflikte und Kriege diskutierten vom 15. bis 17.Mai  2009 im niedersächsischen Helmstedt Experten aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Als direkte frühere Grenzstadt zwischen der Bundesrepublik und der DDR ist es für Helmstedt besonders wichtig, das Thema Grenzen und daraus entstehende Probleme  auch im internationalen Kontext wissenschaftlich zu beleuchten. Mit der Tagung sollte erreicht werden, dass das Thema sowohl aus der Perspektive der Forschung als auch aus dem Blickwinkel von Lehrern betrachtet und später produktiv in der schulischen Arbeit umgesetzt werden kann. Aus diesem Grund wird der Wochenschau Verlag die Ergebnisse des Symposiums auch in seiner wissenschaftlichen Reihe  publizieren.

 

„Man streitet sich um nichts lieber, als um Grenzen!“ - Mit diesem treffenden Statement eröffnete Professor Gerd Biegel von der Technischen Universität Braunschweig Mitte Mai 2009 das dreitägige Symposium im Juleum, dem prächtigen Renaissance-Gebäude der alten Universität. Die Veranstaltung war vom Helmstedter Verein „Grenzenlos - Wege zum Nachbarn“ und dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und EUROCLIO organisiert worden. Bereits die beiden Eröffnungsreden beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und setzten so einen angemessenen Rahmen für die kommenden Tage. Während Bernd Biegel einen Bogen vom römischen Limes über das Mittelalter bis hin zu modernen Grenzen spannten, bot Joke van der Leeuw-Roord, geschäftsführende Direktorin des europäischen Geschichtslehrerverbandes EUROCLIO, eine äußerst aktuelle europäische Perspektive und gewährte einen Blick in die europäische Bildungslandschaft . Sie machte Hoffnung auf ein Überwinden von Grenzen im Geschichtsunterricht, indem sie vielversprechende grenzüberschreitende Projekte vorstellte.

 

In der früheren Universitätsstadt konnten unter anderen die niedersächsische Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann, die die Schirmherrschaft übernommen hatte, der Botschafter der Republik Zypern, Seine Exzellenz Pantias Eliades, der Sozialpsychologe Prof.  Harald Welzer vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und der Historiker Prof. Robert Traba von der polnischen Akademie der Wissenschaften begrüßt werden. Traba stellte dabei seinen Ansatz einer „Polyphonie des kollektiven Gedächtnisses“ und dessen Vorzüge zur Verhinderung der Deutungshoheit einer historischen Meistererzählung vor. Gerade im Hinblick auf die gegenseitige Wahrnehmung der deutsch-polnischen Grenzgeschichte sei dies von immenser Bedeutung. Welzer hingegen betonte Aspekte, die sowohl für das Verständnis der Geschichtskultur eines Landes wie auch für Zeitzeugengespräche im Geschichtsunterricht von entscheidender Bedeutung seien. „Gedächtnisse schreiben ihre Vergangenheit immer wieder aus der Gegenwart neu heraus“, betonte der Sozialpsychologe. Nach seiner Ansicht, die er auf Grund von Umfragen gewonnen hat, müsse der „Holocaust als eine Art negatives Gründungsereignis für Europa“ betrachtet werden. In einer durchaus polarisierenden Rede bemühte sich der zypriotische Botschafter S.E. Pantias Eliades, dem Publikum die Perspektive der griechischen Zyprioten zur Teilung Zyperns näherzubringen. Er warf dabei der Türkei vor, die anhaltende Teilung der Mittelmeerinsel verursacht zu haben und durch die Ansiedlung von anatolischen Bevölkerungsgruppen im Nordteil Zyperns Einigungsbemühungen zu torpedieren.

 

Rüdiger Sielaff von der Birthler-Behörde stellte  einen bislang wenig beachteten Aspekt der ehemaligen innerdeutschen Grenze dar. Durch die Strategie der „vorbeugenden Verhinderung“, sprich Bespitzelung und Einschüchterung, sucht das Ministerium für Staatssicherheit recht erfolgreich Fluchtversuche schon im Stadium der Planung und Vorbereitung zu unterbinden., sodass die meisten Fluchtversuche „schon am heimischen Küchentisch“ ihr Ende fanden. Werner Pfennig von der FU Berlin skizzierte die Entstehung und das Ausmaß der kompromisslosen Teilung Koreas, eines Landes, das sich stets zwischen den mächtigen Nachbarn China und Japan bedroht fühlte. Komplette Abschottung und Desinformation  im kommunistischen Norden sowie Befürchtungen hinsichtlich der zu  enormen  zu erwartenden Kosten im prosperierenden Süden lassen eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit als unwahrscheinlich erscheinen.  Wolfgang Höpken von der Universität Leipzig stellte am Beispiel einer Familie konkret und eindrucksvoll das Wechselspiel der Grenzziehungen auf dem Balkan dar. Im Verlauf des 20. Jh. erlebte die sesshafte Bauernfamilie fünf verschiedene Staatsangehörigkeiten. Otto Schmuck von der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin beleuchtete die Problematik der offenen Grenzen in der Europäischen Union, die bei aller erfreulichen Annäherung der Staaten Europas verstärkte Kontrollen und Grenzziehungen anderer Art innerhalb der EU notwendig machen, zudem auch Abgrenzungstendenzen nach außen zur Folge haben.

 

Für den  Schlusstag der Veranstaltung hatten sich der israelische Gesandte Seine Exzellenz Ilan Mor, der Leiter der Kulturabteilung der Generaldelegation Palästinas in Deutschland Abdullah Hijazi, ebenso zu einer Podiumsdiskussion zur aktuellen Grenzproblematik zwischen Israel und den Palästinensergebieten bereit erklärt, wie Raif Hussein von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft und der israelische Journalist Igal Avidan. Um Verständnis für die prekäre Lage Israels warb Avidan und erläuterte, dass der im Jahr 2003 begonnene, mittlerweile 380 Kilometer lange und bis zu neun Meter hohe Trennungszaun zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten zuerst als Sicherheitslösung und direkte Reaktion der israelischen Bevölkerung auf Terroranschläge von Palästinensern konzipiert war. „Gleichzeitig stellt der Mauerbau aber auch eine gravierende Teilung beider Völker und zahlreicher Familien dar“, betonte der Journalist. Die auch durch den Zaun zurzeit feststellbare Ruhe sei enorm wichtig, „damit wir die Kompromisse machen können, die es bei Anschlägen nicht geben kann. Somit bringt uns beiden der Zaun mehr Sicherheit“.

 

Raif Hussein entgegnete, die von Israel errichtete Mauer sei zwar für ihn nachvollziehbar, doch dürfe diese nicht auf palästinensischem Gebiet erstellt werden, „um neue Grenzlinien durch die Hintertür zu ziehen“. Die Barriere beraube viele Menschen zudem ihrer natürlichen Freiheiten und Arbeitsmöglichkeiten, um die Existenz ihrer Familien zu gewährleisten. Dabei gelte es ebenso, die über 600 Grenzstationen „Check-Points“ im palästinensischen Gebiet als „kleine Grenzen“ abzubauen, um ein gegenseitiges Vertrauen entstehen zu lassen. S.E. Ilan Mor von der israelischen Botschaft in Berlin fügte hinzu, dass es neben den physischen noch viel mehr psychologische Grenzen gebe, die Israelis und Palästinensern seit Jahrzehnten trennten. „Israel muss als das Land der Juden von der arabischen Welt und den Palästinensern anerkannt werden. Ohne die Überwindung einer solchen psychologischen Grenze kann der tiefgreifende Hass in absehbarer Zeit nicht überwunden werden“, sagte Mor. Der Vorsitzende des Deutschen Geschichtslehrerverbandes Dr. Peter Lautzas betonte zum Abschluss der Veranstaltung im versöhnlichen Ton, dass es angesichts der „verworrenen Lage“ im Nahen Osten bemerkenswert sei, dass es die Vertreter der verschiedenen Konfliktparteien bei dem Helmstedter Symposium geschafft hätten, sich miteinander an einen Tisch zu setzen. Denn das gemeinsame Gespräch sei immer der erste Schritt zur Verständigung im weiteren Friedensprozess. In diesem Sinne endete eine äußerst abwechslungsreiche Tagung, die zahlreiche Denkanstöße zum Thema gab.

 


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Dr. Christian Jung
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