Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.
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Peter Lautzas

Tagungsbericht: Deutsch-slowakisches Seminar

 

Vom 17. bis 22. Oktober 2005 fand, gefördert von der Robert Bosch-Stiftung und dem Goethe-Institut Bratislava, bei Kosice in der Slowakei ein Begegnungsseminar slowakischer und deutscher Geschichtslehrer statt, das von dem dortigen Regionalen Fortbildungszentrum in Kooperation mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands durchgeführt wurde. Die Veranstaltung mit dem Titel: „Die Ostslowakei - ein multi-ethnischer Lernort in Europa“ richtete sich vor allem an deutschsprachige Lehrkräfte in der Zipser Region, in der das deutsche Kulturerbe noch umfangreich vorhanden ist, intensiv gepflegt wird und die sich nach dem EU-Beitritt des Landes zunehmend dem Tourismus öffnet.

 

Die ersten beiden Tage waren dann auch, hauptsächlich für die deutschen Teilnehmer, der Erkundung dieser Zipser Region gewidmet, die historisch einen ethnischen, religiösen und politischen Begegnungsraum par excellence darstellt. Nach den verheerenden Tartaren-Einfallen im 13. Jahrhundert holte der ungarische König deutsche Siedler vorzüglich aus Schwaben und Sachsen in das Land und stattete sie mit umfangreichen Privilegien aus. Die Einwanderer siedelten sich in eigenen Kommunen an, sodass es kaum Konflikte mit der slawischen Bevölkerung gab. Eine Fülle von deutschen Namen kündet noch heute von dieser ersten Besiedlungswelle. Die schnell entstehenden Städte, alle nach deutschem Stadtrecht, blühten in der frühen Neuzeit vor allem durch den Handel auf und brachten es zu beachtlichem Wohlstand. Davon künden noch heute inzwischen weitgehend renovierte gotische Kirchen mit prächtigen Schnitzaltären und zahlreiche Bürgerhäuser. Dies konnte die Gruppe in Levoca/Leutschau, Kezmarok/Käsmark, Presov und Poprad feststellen. Nach der Einführung der Reformation, der der oppositionelle landständische Adel anhing, entstand ab dem 17. Jahrhundert durch die von den Habsburgern betriebene Gegenreformation ein neuer Konflikt, der durch die intensive Politik der Magyarisierung im 19. Jahrhundert, von Seiten des Königreichs Ungarn, noch verschärft wurde. Die deutsche Bevölkerung blieb dabei aber traditionell ungarnfreundlich und königstreu. Heute stellt der beträchtliche Anteil von Sinti und Roma v. a. ein soziales Problem dar.

 

Neben dem Zusammentreffen politischer und ethnischer Interessen und Gruppen stellt die Ostslowakei auch religiös einen Begegnungsraum dar: Neben der nach Westen orientierten römisch-katholischen und der stark nach Russland ausgerichteten orthodoxen Kirche entstand aus Gründen - vorwiegend politischen - Unabhängigkeitsstrebens schon im 9. Jahrhundert die griechisch-katholische Kirche (Anerkennung des Papstes, aber orthodoxer Ritus), die noch heute eine wichtige Rolle spielt. Neben deutlichen Spuren des Luthertums, ferner aber auch eindrucksvollen Zeugnissen des Judentums ist in diesem Landstrich ein gutes Beispiel für Vielfalt und tolerantes Zusammenleben vorhanden.

 

Der zweite Teil der Veranstaltung war, vorwiegend anhand von Schulbuchvergleichen, der Feststellung und Diskussion unterschiedlicher Sichtweisen in der Beurteilung der Geschichte gewidmet. Sind z.B. für die Slowaken der eigene Anteil an der Judendeportation durch den hitlerfreundlichen Vasallenstaat Tisos (1939 - 1944) und die Rechtmäßigkeit der Benesch-Dekrete selbst noch kontrovers, so beobachtete man umgekehrt an der deutschen Darstellung

der Zeitgeschichte generell eine zu sehr national ausgerichtete Perspektive. Den deutschen Teilnehmern fiel dagegen gelegentlich die Neigung zu eindimensionalen Sichtweisen und insgesamt eine etwas objektivitätsgläubige Grundhaltung auf, wobei die Proportionen nicht immer stimmen. Das Thema „Erster Weltkrieg“ z.B. wird unter dem nicht gerade zentral zu nennenden Aspekt: „Wie der Friede zu Stande kam“ behandelt, der Art. 20 im Versailler Vertrag wird nicht erwähnt, wie der Text generell sehr punktuell auf die Ereignisse bezogen ist und kaum die Folgewirkungen hin zu Hitler berücksichtigt. Der Gedanke des Rachefriedens taucht nicht auf. Die Zitate sind manchmal wenig aussagekräftig, die Bilder haben oft illustrativen Charakter, oder sind allgemeiner Natur, die gewählten Motive sind nicht immer stimmig mit den begleitenden Zitaten. Dem Kapitel „Gründung des Deutschen Reiches 1871“ liegt ein veraltetes Bismarck-Bild vom „Eisernen Kanzler“ zu Grunde, dagegen sind die Bebilderung ausgeprägter, die Anregungen für Schüleraktivitäten zahlreicher, die Gestaltung insgesamt jugendgemäßer als in den meisten deutschen Schulbüchern. Die Slowaken bemängelten an dem vorliegenden bundesdeutschen S I-Buch fehlende Wiederholungen und Passagen zur Wissenssicherung, die zu große Zahl von Quellen und deren Beschränkung auf deutsche und die Abtrennung des Glossars vom Schülertext. Zustimmung fand dagegen die Qualität des Bild- und Statistik-Materials.

 

Was die Rolle des Deutschtums in der slowakischen Geschichtsschreibung allgemein anbetrifft, so gibt es über die Epochen hinweg kaum Differenzen, die Deutschen werden als ein integraler Bestandteil des Landes angesehen. Hinsichtlich der Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien für die Zeit nach der „sanften Revolution" 1989 ist die Situation auf Grund des Versuchs der Regierung, zentral ein einheitliches, konsensfähiges und verbindliches Geschichtsbild erarbeiten zu lassen, noch nicht befriedigend. Die vorliegenden Materialien entsprechen aber insgesamt durchaus dem europäischen Standard.

 

Nach herzlichen Begegnungen, angeregten Gesprächen und fruchtbaren Diskussionen unterstrich auch dieses Begegnungsseminar wieder, wie wichtig die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Geschichte ist und wie gewinnbringend sie für eine Verständigung in Europa ist.



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