Susanne Urban
Yad Vashem: Erinnerung und Pädagogik im 21. Jahrhundert
Sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, bedeutet, Erinnerung, Gedenken, Forschung, Lehre und Pädagogik miteinander zu verweben. Die Eröffnung der Internationalen Schule für Holocaust-Studien (ISHS) 1993, die zunehmende Intensivierung ihrer Arbeit sowie der Wunsch, auch innerhalb der EU und Osteuropa wirken zu können, waren nicht nur ein „Baustein" auf dem Gelände Yad Vashems, sondern sind als Statement und Sinngebung zu betrachten. Neben der Betreuung der Besucher vor Ort bietet die ISHS ein vielfältiges Angebot an Lehrerfortbildungen zur aktiven Unterstützung und zum lebendigen Erfahrungsaustausch mit Pädagogen aus aller Welt. Eine der wesentlichen Aufgaben der ISHS ist außerdem - zumeist in Kooperation mit Pädagogen aus den jeweiligen Ländern - die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für den Einsatz im Klassenraum. Die Materialien werden in verschiedenen Sprachen und im speziellen Zuschnitt für die jeweiligen Länder erarbeitet und produziert.
Zu den Grundsätzen der pädagogischen Arbeit gehören:
1.Die Geschichte des Holocaust setzt sich aus individuellen, persönlichen Lebensgeschichten zusammen, die auf historischen Fakten basieren und durch historische Dokumente, Zeugenaussagen und Erinnerungen belegt werden.
2.Der Schwerpunkt liegt auf dem persönlichen Schicksal des Menschen.
3.Die Geschichte des Holocaust wird aus jüdischer Perspektive erzählt.
4.In jeweils adäquatem Rahmen wird auf Mitläufer, Zuschauer und Täter sowie Retter („Gerechte unter den Völkern") eingegangen.
5.Wichtig für das Leben der Juden während des Holocaust ist das Herausarbeiten der menschlichen Dilemmata: Die Wahl zwischen Alternativen war für das Opfer meist eine „choiceless choice".
6.Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust bedeutet auch, das jüdische Leben davor und danach einzubeziehen, um jüdische Geschichte nicht auf die Phase zwischen 1933 und 1945 zu beschränken.
7.Der Holocaust muss altersgerecht vermittelt werden und die emotionalen wie kognitiven Fähigkeiten der Schüler berücksichtigen.
8.Der Holocaust wird fächerübergreifend unterrichtet.
Das ausführliche „Pädagogische Konzept der Internationalen Schule für Holocaust-Studien" steht auf der Website von Yad Vashem zum Download zur Verfügung.
Was die Aufgaben der ISHS betrifft, so werden in Israel selbst Seminare für Lehrer, Schüler, Polizisten und Soldaten angeboten und israelische Jugendliche für Studienreisen nach Polen und Deutschland vorbereitet. Für das deutschsprachige Ausland bietet die ISHS folgende Aktivitäten an:
Studienseminare in Yad Vashem/lsrael
Zweiwöchige Intensivseminare mit jeweils einem kurzen Vor- und Nachbereitungsseminar in Deutschland
Offene Seminare mit Teilnehmenden aus allen deutschsprachigen Ländern
Aus dem Seminarinhalt:
Wissenschaftliche Vorträge zu Themen wie Jüdisches Leben vor und während des Holocaust; Der Holocaust in der Literatur; Antisemitismus
Begegnungen mit Überlebenden des Holocaust
Workshops zu den in Yad Vashem entwickelten Unterrichtseinheiten
Erfahrungsaustausch mit israelischen Lehrern und Wissenschaftlern
Führung durch das Gelände von Yad Vashem und das Neue Museum für Holocaust-Geschichte
Geführte Touren zu den zentralen Stätten Israels
Lehrerfortbildungen in den deutschsprachigen Ländern
Regionale Fortbildungen zwischen 3 und 5 Tagen Dauer, Themenschwerpunkt: Pädagogische und historische Aspekte des Holocaust. Die Planung erfolgt gemeinsam mit Kooperationspartnern vor Ort.
Videokonferenzen
Die ISHS in Yad Vashem bietet Live-Schaltungen zwischen Mitarbeitern aus Yad Vashem und deutschen Schülern sowie Lehrern an. Zu den Themen gehören u.a.:
Wie Yad Vashem den Holocaust unterrichtet: Schülern der Mittel- oder Oberstufe wird Gelegenheit gegeben, eine Unterrichtsstunde zum Holocaust mit einem (deutschsprachigen) Mitarbeiter der ISHS zu erleben.
Der pädagogische Ansatz der ISHS: Lehrer mit themenrelevanter Fachrichtung erhalten die Gelegenheit, den pädagogischen Ansatz der ISHS zu diskutieren.
Deutschsprachige Unterrichtseinheiten
Dieser Pool umfasst unterschiedlichste Materialien, darunter Bücher, Multimedia-Produkte, Videos, Poster- und Diaserien, Lehrer- und Schülerhandbücher u.a.m. und wird ständig erweitert und aktualisiert. Zu den Themen gehören u.a. der Novemberpogrom 1938 und seine Vorgeschichte und didaktisch aufbereitete, individuelle Lebensgeschichten Überlebender. Eine Einheit zum Alltagsleben im Warschauer Ghetto wird in neuer Bearbeitung Ende 2006 vorliegen. Die Materialien können über die Website bestellt oder teilweise als Download abgerufen werden.
Informationen generell:
www.yadvashem.org
Seminarangebot:
wwwl.yadvashem.org/education/German/seminar.htm
Homepage der deutschen Sektion der ISHS:
wwwl.yadvashem.org/education/German/homepage.htm
Yad Vashem German Office:
Dr. Susanne Urban c/o Conceptdesign
Körnerstr. 42
63067 Offenbach
E-Mail: suseurban@aol.com