Dr. Ralph Erbar, Mainz
Ein Geschichtsbuch für zwei Länder?
Kritische Anmerkungen zum neuen deutsch-französischen Geschichtsbuch
Mitte Juli wurde in Saarbrücken mit besonders großem Aufwand der erste Band eines neuen Schulbuchprojektes vorgestellt. Es lohnt sich daher, das, was in Teilen der Presse euphorisch als „Revolution“ (Berliner Zeitung) gefeiert wurde, einer genaueren Bestandsaufnahme zu unterziehen. Die Rede ist vom deutsch-französischen Geschichtsbuch, auf das hier kurz eingegangen werden soll.
Die Vorgeschichte
Das Geschichtsbuch „Histoire/Geschichte“ verdankt seinen Ursprung einem Wunsch, den das Deutsch-Französische Jugendparlament anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Elysee-Vertrages im Januar 2003 in Berlin formulierte. In Deutschland nahm sich die Kultusministerkonferenz des Vorhabens an. Eine deutsch-französische Projektgruppe gewann ein gemischtes deutsch-französisches Herausgeber- und Autorenteam für die Umsetzung. Vorgesehen ist die zeitgleiche Veröffentlichung von insgesamt drei Bänden, die sich an Schüler der Seconde in Frankreich und der 10. bzw. 11. Klasse in Deutschland (Von der griechischen Demokratie bis zur Revolution von 1789), der Premiere/11. bzw. 12. Klasse (Von den Veränderungen des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg) und der Terminale/12. bzw. 13. Klasse (Von 1945 bis zur Gegenwart) richten. Die deutsche Fassung wird vom Klett-Verlag und die französische von den Editions Nathan herausgegeben. Der dritte Band ist der erste, der nun vorliegt. So gesehen, wurde mit diesem Projekt wirklich Neuland betreten. Die Vorgeschichte lässt das Buch als Ergebnis eines Unternehmens erkennen, das seine Realisierung nicht einer fachwissenschaftlichen oder fachdidaktischen, sondern expressis verbis einer politischen Motivation verdankt: Jugendliche aus Deutschland und Frankreich sollen aus dem gleichen Buch die Geschichte ihres und des jeweils anderen Landes lernen, um mit dem Blick auf die Vergangenheit eine gemeinsame bessere Zukunft im europäischen Kontext zu gestalten. Dagegen ist – natürlich – zunächst nichts einzuwenden.
Der Inhalt
Der vorgelegte Band 3 von „Histoire/Geschichte“ versteht sich als kombiniertes Lern- und Arbeitsbuch für den Gebrauch in der gymnasialen Oberstufe. Es erhebt den Anspruch, „keine Darstellung der deutsch-französischen Geschichte, sondern ein deutsch-französisches Geschichtsbuch“ (Vorwort S. 2) zu sein, ohne freilich zu definieren, was genau darunter zu verstehen sei. Worin die angeblich „ völlig neue Art der Darstellung, der Dokumentation und der Interpretation“ (Vorwort S. 2) besteht, bleibt ebenfalls offen. Studiert man das Buch genau, erscheinen der inhaltliche und methodische Zugriff recht konventionell. In dem überwiegend diplomatiegeschichtlich orientierten Werk werden Aspekte der Alltagsgeschichte weniger angesprochen. Die gesamte Geschichte der Frauenbewegung nach 1945 in Frankreich und Deutschland wird nur auf ganzen zwei [!] von 335 Seiten abgehandelt und zudem in ein Dossier verbannt. Dies ist nicht gerade innovativ zu nennen. Die Sprache ist eher akademisch, sehr komplex und nicht unbedingt schülernah. Produktions- und handlungsorientierte Aufgabenteile finden sich kaum. Doch all diese Gravamina gelten für andere Schulbücher auch, der entscheidende Ansatzpunkt der Kritik ist an anderer Stelle zu sehen. Die Kapitel zur deutschen und französischen Geschichte folgen hintereinander und sind nicht konsequent aufeinander bezogen oder gar – was eine wirkliche Neuerung gewesen wäre – integriert. Dies geschieht selbst da nicht, wo es sich von der Sache her angeboten hätte (etwa bei der Verbindung der französischen und deutschen Studentenunruhen 1968). Die unter den politischen Vorgaben selbstverordnete didaktische Verengung auf die deutsch-französischen Beziehungen und der damit verbundene Blick nach Westen gehen unweigerlich auf Kosten der fachwissenschaftlichen Vollständigkeit und bedingen eine stellenweise einseitige Betrachtungsweise, die der Komplexität historischer Ereignisse nicht immer gerecht wird. Eben diese Komplexität zu betrachten und darzustellen, ist aber eine der Hauptaufgaben des Schulfaches Geschichte. So wird beispielsweise ausführlich das Kriegsende 1945 im Westen beleuchtet, während die gleichzeitigen Vertreibungen im Osten in nur einem einzigen Satz erwähnt werden (S. 26). Dies ist fachwissenschaftlich und fachdidaktisch bedenklich.. Es ist eine unverzichtbare Grundforderung des Faches Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, historische Ereignisse stets in ihrer Komplexität zu befragen und darzustellen. Unter den didaktischen Kategorien „Multikausalität“ und „Multiperspektivität“ wird stets versucht, die Vielzahl von Ursachen und Sichtweisen aufzuzeigen. Die Verengung der Perspektive auf die bilateralen deutsch-französischen Beziehungen mag an ausgewählten Punkten durchaus sinnvoll sein, als durchgängiges Unterrichtsprinzip ist sie es gewiss nicht. Vor allem in einer Zeit, da sich Fachwissenschaft und Fachdidaktik nach dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges gegenüber den Ländern Osteuropas (Polen, Baltikum etc.) geöffnet haben und weiter öffnen werden, befindet sich das Lehrbuch in einer rückwärtsgewandten didaktischen Schieflage. Hier hätte das Konzept noch einmal gründlich überdacht werden müssen.
Fazit
Das Projekt einer deutsch-französischen Betrachtung der Geschichte ist grundsätzlich begrüßenswert und aufgrund der Materialfülle zu loben. Der Teufel steckt jedoch (nicht nur) im Detail der Umsetzung: Es kann in einem deutschen Schulbuch nicht sein, dass zu Gunsten der ohne Zweifel wichtigen deutsch-französischen Beziehungen der gesamte Bereich der DDR-Geschichte von 1949 bis 1990 auf nur noch sechs Seiten abgehandelt wird. Dies steht nicht nur aktuellen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Tendenzen diametral entgegen, sondern wird auch den Bemühungen um eine verstärkte deutsch-deutsche Integration, um die sich nicht zuletzt neuere Publikationen des Historiker- und des Geschichtslehrerverbandes bemühen, nicht gerecht. Selbst die naheliegende Möglichkeit, in der deutschen Ausgabe ein kleines Reservoir französischer Textquellen anzubieten und damit das Werk verstärkt für den bilingualen Unterricht anzubieten, wurde nicht genutzt und damit eine weitere Chance vertan. Auch dieses Desiderat macht deutlich, dass das deutsch-französische Schulbuch – wie auch das ebenso gut gemeinte Projekt eines Europäischen Geschichtsbuches vor wenigen Jahren - letztlich über den Ansatz nicht hinausgekommen ist. Das ist schade, wäre zu verhindern gewesen und eröffnet Arbeitsfelder für die Zukunft.