Joe-Young Park (Seoul)
Das Bild der Bundesrepublik Deutschland in südkoreanischen Geschichts- und Erdkunde-Schulbüchern seit den 1950er-Jahren
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hielten Südkorea und die Bundesrepublik Deutschland ihre engen Beziehungen ununterbrochen aufrecht. Als geteilten Ländern war ihnen die historische Erfahrung eines geteilten Volkes gemeinsam. Das Problem der geteilten Länder war eine Folge der neuen Machtkonstellation nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Folge des sog. Kalten Krieges, der von beiden Großmächten - den USA und der UdSSR - ausgetragen wurde. Der Ost-West-Konflikt bedeutete eigentlich Machtkampf zwischen der Sowjetunion und den USA, bei dem man den imperialistischen und hegemonialen Charakter nicht vergessen darf. Diese weltpolitische Konstellation seit den 50er-Jahren spiegelt sich selbstverständlich in den südkoreanischen Geschichts- und Erdkunde-Schulbüchern.
Deutschland und Korea als geteilte Nationen wurden in den Schulbüchern parallelisiert. Dabei wurde die Bundesrepublik als Industriestaat zum Vorbild erhoben. Um nun die Darstellung der westdeutschen Geschichte in diesen Schulbüchern zeitlich zu analysieren, wurden insgesamt 76 Schulbücher von 1950 bis 2003 ausgewertet (39 Geschichts- und 37 Erdkundebücher). In einem Geschichtsbuch kann man erstmals 1956 die Wirtschaftsentwicklung Westdeutschlands erwähnt finden, obwohl das „Wirtschaftswunder" hier noch am Anfang stand. In den südkoreanischen Erdkunde-Schulbüchern der 50er-Jahre ist die Bundesrepublik bereits ausführlicher dargestellt und wird für einen der wichtigsten Industriestaaten der Welt gehalten. Ein Schulbuch aus dem Jahr 1957 legt dar, dass der Koreakrieg die Industrie Europas beschleunigt hat: „Viele Länder in Europa erlebten auf Grund des Marshall-Planes nach dem Zweiten Weltkrieg einen schnellen Fortschritt und hatten schon im Jahre 1948 den Vorkriegsstand erreicht. Besonders (West-) Deutschland ist trotz der schlimmen Zerstörungen rasch zum alten Zustand zurückgekehrt. Danach haben die europäischen Länder sich auf Grund des Korea-Krieges wieder schnell entwickelt." (Erdkunde für Gymnasium, Changhwang-Verlag Seoul, S. 193)
Der wirtschaftliche Erfolg in West-Deutschland wurde in den 60er und 70er-Jahren weiterhin häufig dargestellt. Besonders wurde immer wieder der Erfolg West-Deutschlands in der Adenauer-Zeit gelobt. „Ein Land mit dem Wunder am Rhein" hat das Image der Bundesrepublik in Südkorea stark geprägt. (Wenn von Deutschland die Rede war, sprachen Südkoreaner oft vom „Wirtschaftswunder am Rhein". Der Wirtschaftserfolg Südkoreas wurde auch „Wirtschaftswunder am Han" genannt.) Als Grund des wirtschaftlichen Erfolges wurden Fleiß und Sparsamkeit der Deutschen aufgeführt. Anlässlich eines Staatsbesuchs des südkoreanischen Präsidenten Chung-hee Park im Dezember 1964 in Deutschland forderte er seine Landsleute dazu auf, den Wiederaufbau Deutschlands „nicht als ein Wunder, sondern als eine Kristallisierung des Blutes und Schweißes von 57 Millionen Deutschen anzusehen".
In den 80er-Jahren wurde Deutschland in den Schulbüchern hinsichtlich der industriellen Wirtschaft, was z.B. Rohstoffversorgung, Schwer-, Chemie- und Auto-Industrie betrifft, konsequent als eines der wichtigsten Länder der Welt behandelt. Zu dieser Entwicklung trug bei, dass das Gewicht des wirtschaftlichen Austausches zwischen beiden Ländern immer mehr wuchs, weil sich die Republik Korea rasch zu einem Industrieland und zu einer Handelsnation entwickelte. Nach der deutschen Wiedervereinigung, die übrigens einen großen Einfluss auf die Wiedervereinigungspolitik Koreas hinterlassen hat, richteten die südkoreanischen Schulbücher dann ihr Interesse auf die Ostpolitik Willy Brandts und auf den Zusammenbruch Osteuropas.
Die seit 1990 herausgegebenen Schulbücher gestalten das Thema „Deutschland" viel interessanter und vielseitiger. So finden etwa das Oktoberfest (!), die Stadt Berlin, die Umweltpolitik, die Zusammenarbeit mit den anderen EU-Ländern und soziale Probleme, wie etwa Ausländerfeindlichkeit, Erwähnung. Die sozialen Probleme Deutschlands werden dabei mit denen Südkoreas parallelisiert und gemeinsame Lösungsansätze diskutiert.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Deutschland als geteiltes Land in den südkoreanischen Geschichts- und Erdkunde-Schulbüchern seit den 50er-Jahren recht ausführlich, ausführlicher als andere Länder, behandelt wurde und wird. Die Teilung, die Wiedervereinigung und die Wirtschaftsentwicklung sind dabei die Hauptthemen, die Deutschland als Vorbild hinstellen.