Peter Lautzas
„Auf dem Weg zu einer europäischen Identität - Nationalität und Nationalstaat in Mittel- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg“
Ein internationales Seminar vom 23. Juni bis 1. Juli 2006 in Krakow
Das Seminar als dritte internationale Veranstaltung des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands nach Riga 2004 und Berlin 2005 wandte sich auf Wunsch ehemaliger Teilnehmer unter dem gleichen Leitthema im Jahre 2006 der Frage des Nationalstaatsgedankens in der Zeit der sowjetischen Okkupation zu. Ziel auch dieser Veranstaltung war es, Kontakte und Gespräche zwischen Geschichtslehrern der neuen EU-Partner und Deutschlands herbeizuführen, sich der eigenen Geschichtsvorstellungen bewusst zu werden, sie mit anderen Vorstellungen zu konfrontieren und im kritischen Dialog zu befragen und schließlich an einer Verständigung unter europäischem Aspekt zu arbeiten. Die Bewusstmachung des eigenen Geschichtsbildes und die kritische Auseinandersetzung damit im Vergleich mit dem anderer Länder stellt einen genuinen Beitrag des Faches Geschichte zur Anbahnung einer Verständigung dar und ist damit ein wichtiger Beitrag im politischen Raum.
Das 2006 noch ausgeprägter multinational angelegte Seminar umfasste Teilnehmer aus Polen, Deutschland, Lettland, Litauen und der Slowakei, die im Sinne des skizzierten Konzepts intensiv und engagiert ihre Vorstellungen austauschten und dabei zu recht erhellenden Ergebnissen kamen. Sowohl die Fragestellung als auch der multinationale Ansatz bei Teilnehmern wie Referenten erwies sich als besonders ertragreich.
Was die inhaltlichen Ergebnisse anbelangt, so ist generell festzustellen, dass die Teilnehmer aus den osteuropäischen Ländern nach wie vor eine ausgeprägt positivistische Grundeinstellung zur Geschichte haben und ihnen didaktische Fragestellungen (die im Übrigen meist von den Lehrplänen vorgegeben sind) im Grunde fremd erscheinen. Der eigentliche Wert einer Berücksichtigung von Multiperspektivität oder Multikausalität z.B. - um nur zwei wichtige Kategorien zu nennen - ist ihnen unklar, der Bildungswert für eine demokratische Gesellschaft nicht einsichtig, deren Beachtung erfolgt, wenn überhaupt, mechanisch und sporadisch, weil es eben „modern“ ist. Quellen dienen oft nur der Illustration, desgleichen Bilder und Karikaturen. Eine kritische Befragung im Sinne eines Erwerbs von Methodenkompetenz findet in der Praxis - nach Aussagen der Teilnehmer - kaum statt. Geschichtsdidaktik ist im alten Sinne noch immer weitgehend Geschichtsmethodik. Das demonstrierten die anwesenden polnischen Didaktik-Professoren deutlich. Auch das Verständnis für die Rolle von Geschichtsbewusstsein jenseits der „Fakten“ ist nicht sehr entwickelt. Dies ist bei allem Bemühen um Verständigung, die sich ja auch und vielleicht vordringlich auf anderen Ebenen abspielt, nüchtern festzustellen und gleichzeitig als Auftrag zu verstehen.