Gertrud Liedtke
1956 in den Geschichtsbüchern
Ein internationales Seminar vom 6. bis 9. April 2006 auf Schloss Károlyi, Fehérvárcsurgó/Ungarn
Die internationale Konferenz zum Thema „Ungarn 1956 in den europäischen Geschichtsbüchern“ wurde organisiert von der Joseph Károlyi-Stiftung, der Historischen Fakultät der CEU (Central European University) Budapest und dem Ungarischen Geschichtslehrerverband mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung Budapest, dem Institut Francais Budapest, der Robert-Schumann-Stiftung sowie der Communauté francaise de Belgique.
Ziel war eine Analyse der Darstellungen der Ereignisse von 1956 in den Geschichtsbüchern von Ungarn, Polen, Rumänien, Serbien-Montenegro und anderen Ländern dieser Region im Vergleich zu Lehrbuchpräsentationen aus Frankreich, Deutschland, Österreich, Großbritannien mit Schottland und Italien. Unter den Referenten befand sich u.a. der Journalist, Politologe und Buchautor Thomas Schreiber, während des Ungarnaufstands Berichterstatter für „Le Monde“ und „Paris vous parle“. Seine Berichte über Ungarn 1956 waren äußerst interessant und authentisch, denn er hielt sich kurz vor dem Aufstand und unmittelbar danach beruflich in Budapest auf. Die professionelle Sichtweise von Thomas Schreiber stellte eine Ergänzung zu den Berichten anwesender Teilnehmer an der Revolution dar, die ihre Erfahrungen teilweise recht kritisch gegenüber den theoretischen Darlegungen der Referenten aus den verschiedenen Ländern Europas einbrachten. Dies führte zu äußerst interessanten Diskussionen über Geschichte als Rekonstruktion von Vergangenheit, über historisch-kritische Wahrnehmung allgemein und über den Prozesscharakter der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, abhängig vom eigenen Standort und über unabdingbare Multiperspektivität bei der Rekonstruktion von Vergangenheit.
Die Konferenz brachte überzeugende Ergebnisse: So forderten die ungarischen Kollegen und Kolleginnen über die kritische Reflexion der Darstellungen des Ungarnaufstandes in den europäischen Geschichtsbüchern hinaus eine differenziertere Beschäftigung mit der Situation und Entwicklung Ungarns im sowjetischen Block insgesamt. Sie könne nicht mit der Darstellung des Kalten Krieges und einer Aufzählung der Ereignisse der Jahre 1953, 1956 und 1968 erfasst werden. In der teilweise spärlichen Erwähnung des ungarischen Aufstandes in den Schulbüchern insbesondere Westeuropas sind noch (wenigstens bis 1989) die Spuren der Trennung der Welt in Blocksysteme erkennbar, die die jeweils eigene Auseinandersetzung der sog. Satellitenstaaten mit der UdSSR weniger in den Blick nahm, geschweige denn die Ziele und Verlaufsformen, die Erfolge und Niederlagen der Aufständischen und die Hintergründe der Aufstände, Freiheitskämpfe oder revolutionären Bewegungen genauer untersuchte. Die nach 1989 bzw. nach der EU-Erweiterung intensiver einsetzende wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Fragen beginnt sich langsam in den historischen Unterrichtswerken niederzuschlagen. Die neuen EU-Staaten, unter ihnen Ungarn, bemühen sich nach der Zwangsherrschaft durch die UdSSR um eine neue Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte, um eine neue Orientierung und Positionierung in der Europäischen Union und nicht zuletzt um eine differenziertere Wahrnehmung durch die Bürger Europas. Die Beiträge der Konferenz werden von Mitarbeitern der CEU Budapest redigiert und veröffentlicht.