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Geschichte in der Publizistik

Ein Interview mit Moritz Müller-Wirth, Geschäftsführender Redakteur der ZEIT

 

 

Herr Müller-Wirth, es fiel auf, dass die ZEIT bis vor Kurzem vergleichsweise wenige historische Beiträge brachte. Weshalb nun seit einiger Zeit der Wandel ?

 

Erlauben Sie, dass ich da gleich widerspreche. Die Veröffentlichung von Beiträgen zu historischen Themen hat in der ZEIT eine lange Tradition. Mit der Einführung des Ressorts „ZEITLÄUFTE“ im Jahre 1988 von Theo Sommer und Karl-Heinz Janßen wurde schon vor vielen Jahren das große Interesse der ZEIT-Leser an geschichtlichen Themen insitutionalisiert. Auch das „Politische Buch“ versteht sich, seit Jahren unter der Leitung von Volker Ullrich seit den Tagen Paul Sethes immer auch als ein politisch-historisches Buch, in dem viele historische Themen und Kontroversen einen Platz finden. Und schon seit langem wissen wir aus Befragungen unserer Leser, dass neben den klassischen Themen Politik, Wirtschaft und Wissen die ZEITLÄUFTE-Seite die höchste Nutzerquote hat. Die ZEIT hat also die Geschichte nicht neu entdeckt, sondern pflegt sie seit langem. Allerdings – da haben sie Recht – in letzter Zeit mit besonderem Engagement. Dessen sichtbarstes Zeichen ist die Gründung des Magazins ZEIT Geschichte, das mit einer verkauften Auflage von ca. 50.000 Exemplaren vier Mal im Jahr erscheint. Aber auch im Hauptblatt wird der Geschichte immer mehr Raum eingeräumt. So haben wir in den vergangenen Jahren immer mehr auch auf der ersten Seite historische Themen als Titelgeschichten präsentiert.

 

Welche Bedeutung messen Sie der Geschichte für unsere heutige Gesellschaft bei ?

 

Gerade in Zeiten, in denen die Übermittlung von Nachrichten immer kürzen Zyklen unterliegt, in denen außerdem mit dem Internet eine komplett neue Bezugsquelle mit Macht zu den Menschen drängt - in diesen Zeiten wird die Vermittlung historischer Zusammenhänge immer wichtiger. Denn die grundlegenden Muster menschlichen, zwischenmenschlichen und somit auch politischen Handelns, haben sich dennoch nicht verändert. Hier ist der Rückgriff auf die Historie oft äußerst hilfreich weil lehrreich. Denn oft sind es Beispiele aus der Vergangenheit, die uns einen präziseren, bisweilen auch entspannteren Blick auf das Gegenwärtige ermöglichen. Geschichte bietet so eine besondere Form der Orientierung, der Erdung in diesen unübersichtlich gewordenen Zeiten.

 

Was macht das Profil des neuen historischen Flaggschiffs „ZEIT Geschichte“ aus ?

 

ZEIT-Geschichte begleitet historische Themen in aktuellen, jetztzeitigem Kontext. Die meisten der monothematischen Hefte widmen sich Ereignissen oder Figuren, die zum Erscheinungsdatum aufgrund von Jubiläen, Jahrestagen oder aktueller Debatten im Fokus des öffentlichen Interesses stehen. Wir haben Hefte zum 60. Jahrestags des Kriegsendes gemacht, zu den runden Geburtstagen von Mozart, Einstein oder Freud, aber auch, Ende 2006 aus Anlass der einjährigen Amtsjubliäum von Angela Merkel ein Heft mit dem Thema: „Die Frauen und die Macht“. Das jüngste Heft widmet sich dem Thema „Erziehung“, hier ist der Anlass die Gründung des ersten Kinderhauses durch Maria Montessori im Jahr 1907.

 

In allen Heften versuchen wir, neben profunden historischen Rückblicken, auch aktuelle Bezüge herzustellen, zum Beispiel durch Reportagen und Interviews, Nachdrucke aus der ZEIT. Ein umfangreicher Serviceteil mit Buchempfehlungen und Veranstaltungshinweisen runden das Profil ab.

 

Welchen Leserkreis wollen Sie damit ansprechen ?

 

Das Magazin ZEIT Geschichte versteht sich sowohl als ergänzendes Angebot an die historisch interessierten Leser der ZEIT, als auch als Angebot für Menschen, die geschichtliche Zusammenhänge unabhängig von unserem Hauptblatt verfolgen. Wir wenden uns dabei vor allem auch an jüngere Leser, Schüler, Studenten. Wir bieten unseren Lesern zum Beispiel durch vereinzelte Nachdrucke von Texten, die in den letzten 60 Jahren in der ZEIT erschienen sind, die Gelegenheit, nachzuvollziehen, wie sich die öffentliche Meinung über die Jahrzehnte mit dem jeweiligen Thema auseinander gesetzt hat.

 

Welche Verbindung besteht, neben dem Nachdruck einiger Texte, zwischen der Redaktion der ZEIT und den Machern von ZEIT Geschichte?

 

Die Redaktion der ZEIT ist das Rückrat aller publizistischen Projekte, die mit dem Namen DIE ZEIT verbunden sind. Bei ZEIT Geschichte haben wir mit dem langjährigen Chefredakteur und Herausgeber Theo Sommer, mit Benedikt Erenz, der die ZEITLÄUFTE-Seite im Hauptblatt verantwortet und mit Volker Ullrich, verantwortlich für das Politische Buch, gleich drei prominente Kollegen für die regelmäßige Mitarbeit gewinnen können. Deren Engagement erschöpft sich nicht in klugen Ratschlägen, sondern geht bis in die Details redaktioneller Arbeit. Mit Professor Norbert Frei schließlich haben wir einen der renommiertesten Zeithistoriker als Berater an Bord. Und, wenn ich dies ergänzen darf, durch meine Person hat ZEIT Geschichte eine ganz unmittelbare Verbindung in die Chefredaktion der ZEIT.

 

Welche Titel sind für das Jahr 2007 geplant?

 

Das erste Heft wird sich, wie gesagt, dem Thema Erziehung widmen. In der Jahresmittel wird es dann zwei Hefte geben, die in einem gewissen Zusammenhang zueinander stehen: die 40. Wiederkehr des Jahres 1967 mit der Ermordung Benno Ohnesorgs als Auftakt zu dem was wir unter „Achtundsechzig“ verstehen. Und ein Heft zum 30. Jahrestag des sogenannten Deutschen Herbstes, der Entführung der Lufthansa-Maschine und der Ermordung von Hanns-Martin Schleyer. Das vierte Heft widmet sich dann, rund um die Weihnachtszeit, dem Phänomen der christlichen Kreuzzüge.

 

Welche Rolle kann für Sie dabei der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands spielen ?

 

Die Vermittlung von historischen Inhalten, von geschichtlichem Wissen ist eine große Aufgabe, die Journalisten und Lehrer im Idealfall verbindet. Der Verband der Geschichtslehrer erscheint uns dabei in vielerlei Hinsicht ein idealer Partner. Wir erhoffen uns durch den Austausch inhaltliche Anregungen, aber natürlich auch Zugang zum Lehrkörper, der, wie wir hoffen, von unseren Bemühungen auch profitieren kann. Unser gemeinsames Ziel muss sein, die nachfolgenden Generationen auf unterhaltsame und trotzdem nachhaltige Weise mit historischen Zusammenhängen vertraut zu machen. Durch die Einrichtung einer Kolumne für einen Vertreter des Verbandes der Geschichtslehrer ist es uns nun endlich gelungen, dieses gemeinsame Interesse auch fest in unserem Magazin zu verankern.

 

(Die Fragen stellte Dr. Peter Lautzas)



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