Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.
VGDLandesverbändeSchwerpunkte der ArbeitAktuellMitteilungen"geschichte für heute"VeranstaltungenPublikationenGeschichtsunterrichtBildungsstandardsQualitätssiegel des VGDAusstellungenInternationale KontakteEuroclioServiceFördererKooperationspartnerSitemap
SucheKontaktImpressum

Karin Fabrova (Universität Presov)

Der Anteil der deutschen Bevölkerung an der Besiedlung der Zips in der Slowakei

 

 

In dem ostslowakischen Raum zwischen der Hohen Tatra im Westen und dem alten Bergbaugebiet des Slowakischen Erzgebirges im Osten liegt im Poprad-Tal und im Gebiet des oberen Hornäd die Region Zips. Die Geschichte der Besiedlung des am Fuße der Tatra liegenden Landes reicht bis in die Zeit der letzen Eiszeit zurück. Nach der Entstehung des ungarischen Staates im 11. Jahrhundert wurde die Zips zum Grenzgebiet, das nach dem Abzug der Tataren im 13. Jahrhundert durch die Deutschen besiedelt wurde.

 

Die Anfänge der mittelalterlichen Zipser Städte werden gewöhnlich nur mit der Ankunft der deutschen Ansiedler in Zusammenhang gebracht und die Entstehung dieser Städte wird dem deutschen Element zugeschrieben. Man vergisst aber die Rolle der einheimischen Bevölkerung, die hier gelebt hat und die von deutschen Einwanderern angetroffen worden sein muss. Heute sind ausreichende archäologische, toponymische und andere Beweise vorhanden, um sagen zu können, dass die in die Zips eingewanderten deutschen Bewohner in ein besiedeltes Gebiet kamen, das von einer Bevölkerung mit einheitlichem Sprachcharakter besiedelt war. Zu den wichtigsten mittelalterlichen Zipser Städten gehörten u.a. Levoca (Leutschau) und Kezmarok (Käsmark). Diese Siedlungen wurden noch vor Ankunft der deutschen Einwanderer gegründet. Bei ihrer Entstehung sind parallele Erscheinungen zu beobachten: In beiden Fällen wurde auf ihrem Gebiet die Existenz einer slowakischen Siedlung nachgewiesen, die sich in der Nähe der jeweils spätromanischen Kirche befand. Deren Bauanfänge gehen auf die Wende des 11.-12. Jahrhunderts zurück.

 

Für diese Siedlungen ist typisch, dass sie einen Handels- und Handwerkscharakter hatten. Sie erstreckten sich in der Nähe des sog. Großen Weges, „Magna Via“, der in jeder Siedlung die Entwicklung eines Marktes begünstigte. Diese Siedlungen mit einem Markt boten nun die besten Voraussetzungen zur Entwicklung von Handwerkzentren bzw. Städten. Die Handels- und Handwerkstätigkeit ihrer Bewohner war der wichtigste Grund für die deutsche Ansiedlung in ihrer Nachbarschaft.

 

Bald nach der Ankunft in der Zips begannen sich die deutschen Ansiedler nach dem Vorbild ihrer Heimat zu organisieren. Sie ließen sich oft am Rande der älteren slowakischen Siedlung nieder, bis die beiden Siedlungen verschmolzen. Die wesentliche Veränderung, die alle alten Zipser Siedlungen durchmachten, bestand in dem Erwerb von Privilegien. Die Deutschen bekamen nämlich vom ungarischen König die Bürgerrechte, die die Freiheit aller Bewohner dieser Städte sicherten.

 

Kezmarok bekam die Stadtrechte im Jahre 1269 (Staatsarchiv Levoca-Poprad, Fonds Kezmarok, perg. 11). Dagegen ist nicht bekannt, im welchem Jahr die Bewohner von Levoca ihr Stadtprivileg erhielten. Aus den erhaltenen schriftlichen Quellen ist anzunehmen, dass Levoca in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts zur Freistadt wurde.

 

Durch den Erwerb des Wahlrechtes für die Repräsentanten und Funktionäre der Stadtverwaltung sowie durch das Pfarrerwahlrecht und das Recht auf Privateigentum wurden die Städte zu juristischen Personen im Verhältnis zu den damaligen weltlichen und kirchlichen Institutionen und die Bürger wurden somit freie Menschen.

 

Die Zipser Städte wurden zu wirtschaftlichen Zentren Ungarns im Mittelalter und zugleich zu Finanzquellen des ungarischen Königs. Im Jahre 1271 erhielten die Zipser Sachsen von König Stephan V. noch ein Privileg, das ihnen die gleichen Bürgerrechte und Pflichten zusprach wie den Bewohnern der Freistädte. Aufgrund dieses Privilegs wurde die Gemeinschaft der Zipser Städte gegründet.

 

Die Mitglieder der Gemeinschaft der Zipser Sachsen bekamen das Recht, einen Oberrichter aus ihrer Mitte zu wählen, der alle Streitfälle zusammen mit der Zipser Gespannschaft schlichtete. Jede Stadt der Gemeinschaft hatte ihre eigene Verwaltung, genauso wie die Freistädte: einen Richter, Geschworene, die von den Bewohnern jeder Stadt aus ihrer Mitte gewählt wurden, sowie einen inneren und einen äußeren Rat. Zur Hauptstadt der Gemeinschaft wurde bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt Levoca (Leutschau). Diese Mitgliedschaft brachte wahrscheinlich einige Nachteile vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung mit sich, weshalb die Bürger von Levoca sich um eine unabhängige Entwicklung der Stadt bemühten.

 

Die Bürger jeder Stadt bekamen das Recht, einen Pfarrer zu wählen, ferner das Recht, den Boden, wie bisher, zu bearbeiten und Bodenschätze zu fördern. Dafür waren sie verpflichtet, eine Grundsteuer in Höhe von 300 Gulden an jedem 11. November zu zahlen. In der Zeit der Kriegsgefahr sollten sie 50 Soldaten ins ungarische Heer entsenden. Aufgrund der Analyse der Bürgerrechte und -pflichten der Gemeinschaft der Zipser Sachsen anhand der Urkunde von 1271 können im Vergleich zu den damaligen Bürgerrechten und -pflichten der Freistädte auf dem Gebiet der gegenwärtigen Slowakei (z.B. Kezmarok) keine wesentlichen Unterschiede festgestellt werden. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Deutschen diese Bürgerrechte im Vergleich zu den Freistädten als ein Kollektiv (Ethnikum) erhielten. In Ungarn findet man ebenfalls eine solche Situation, und zwar bei den Sachsen in Siebenbürgen.

 

Aus den schriftlichen Quellen geht nicht hervor, wie viele Mitglieder die Gemeinschaft der Zipser Sachsen im 13. Jahrhundert hatte. Erste Aufzeichnungen liegen erst im 14. Jahrhundert vor. Im Jahr 1344 wurde eine Zahl von 24 Mitgliedern festgelegt.

 

Die Gründung der Zipser Städte wird nach neuesten Forschungsergebnissen nicht mehr nur als Leistung der deutschen Ansiedler angesehen, da die deutschen Städtegründungen sich mit den schon vorhandenen Marktsiedlungen der dort ansässigen Bevölkerung, manchmal schon als „Städte“ bezeichnet, verbanden. Juristisch entstanden die Städte allerdings erst mit dem Erwerb des entsprechenden Privilegs, obwohl die wirtschaftlichen Wurzeln bereits in den Marktsiedlungen zu finden sind. Der Anteil der Deutschen an diesem Prozess konzentriert sich vor allem auf den Erwerb der Stadtrechte, während die Gründung wirtschaftlicher Handwerkszentren im 11. Jahrhundert bzw. im 12. Jahrhundert auf die slowakische Bevölkerung zurückzuführen ist. Die Stadtprivilegien brachten also im rechtlichen Sinne den Bürgern eine neue gesellschaftliche Stellung, und sie wurden im Mittelalter der progressivste Teil der Gesellschaft auf diesem Gebiet.



Mit freundlicher Unterstützung durch

Cologne Digital Medienproduktion GmbH