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Katharina Rauschenberger

Leo Baeck Programm

„Jüdisches Leben in Deutschland - Schule und Fortbildung“

 

Über das Programm

 

In Schulbüchern und Unterrichtscurricula ist jüdische Geschichte nur dann ein Thema, wenn es um die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Juden in Deutschland geht. Diese perspektivische Einengung führt dazu, dass der Rückschluss nahe zu liegen scheint, Juden seien immer Opfer in der deutschen Geschichte gewesen. Dies - so die weit verbreitete Ansicht - resultiere aus ihrer Sonderposition, die es rechtfertige, jüdische Geschichte als Sondergeschichte zu behandeln. Tatsächlich jedoch führt eine derart isolierte Geschichtsbetrachtung zur Bekräftigung von Stereotypen, etwa dem, es sei etwas dran an der Andersartigkeit der Juden, so dass sie immer wieder Verfolgungen ausgesetzt seien. Solche Klischeebildungen können nicht entstehen, wenn man jüdische Geschichte, die Geschichte der einzelnen Gemeinden und der in ihnen Handelnden, vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung, der geistigen Einflüsse und wirtschaftlichen Bedingungen erzählt. Jüdische Geschichte ist Teil der allgemeinen deutschen. Diese simple Tatsache verbirgt sich hinter der Forderung nach einem integrativen Ansatz der deutsch-jüdischen Geschichte.

 

Das Leo Baeck Programm „Jüdisches Leben in Deutschland - Schule und Fortbildung“ möchte den Blick weiten: Es rückt die aktive Rolle von Juden in der deutschen Geschichte in den Fokus und fordert dazu auf, die Verzahnung von jüdischer und allgemeiner Geschichte darzustellen. Das Programm fördert Lehrerfortbildungsmaßnahmen und modellhafte Schulprojekte zur Vermittlung deutsch-jüdischer Geschichte im Unterricht. Es geht auf einen Kooperationsvertrag zwischen den Freunden und Förderern des Leo Baeck Instituts e.V., dem Fonds Erinnerung und Zukunft und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung vom September 2005 zurück.

 

Ein Pilotprojekt

 

Um die Zielsetzung des Programms zu verdeutlichen und eine Art Vorbildstruktur für andere Projekte zu schaffen, initiierte das Programm selbst ein Projekt. Im Mittelpunkt dessen steht die Person Gabriel Ries-sers. So populär Gabriel Riesser Mitte des 19. Jahrhunderts in jüdischen Kreisen war, so unbekannt ist er heute. Seine Publikationen verfochten die Emanzipation der deutschen Juden erstmals als Angelegenheit der allgemeinen Grundrechte in Deutschland. Als Vizepräsident der Deutschen Nationalversammlung vertrat er die Interessen aller Deutschen und die der deutschen Juden als gemeinsame für ein einiges und freies Deutschland. Mit seiner Person lässt sich das Ineinandergreifen deutsch-jüdischer und allgemeiner Geschichte beispielhaft erzählen.

 

Im Rahmen des „Pilotprojekts“ zum Leo Baeck Programm entstand eine Unterrichtseinheit, die die inhaltliche Anbindung an den Lehrplan leicht macht. Mit dem vorgelegten Material lässt sich die Geschichte der Deutschen Nationalversammlung 1848 anhand des jüdischen Parlamentariers Gabriel Riesser erzählen. Zusätzlich geht sie auf die Bedingungen ein, unter denen Juden im 19. Jahrhundert in Deutschland lebten.

 

Als Arbeitsgrundlage dient eine CD-ROM, die die Lehrer und Schüler mit Basiswissen versorgt. Durch die einführenden Texte, Quellensammlungen, Karten, Abbildungen und Arbeitsvorschläge wird man zum Experten der jüdischen Emanzipationsgeschichte im 19. Jahrhundert. Diese CD enthält zudem Arbeitsblätter, die skizzieren, wie man mit dem vorgegebenen Material zwei Schulstunden gestalten kann. Außerdem bietet die Unterrichtseinheit Anregungen, das Gelernte mit der heutigen Lebenswirklichkeit zu verbinden. Die Emanzipationsgeschichte der Juden in Deutschland kann als Folie dienen für aktuelle Einbürgerungs- und Assimilationsdebatten der Zuwanderungsgesellschaft.

 

Ein mobiles Ausstellungssystem liefert das erforderliche Material mit, um eine eigene Ausstellung selbst zu entwerfen und herzustellen. Die Schüler sollen anhand vorgefertigter Arbeitsaufträge eine Ausstellung zu Gabriel Riesser mit eigenen Ausstellungstafeln komplettieren. Thematisch führen diese Fragen zu Formen und Bedingungen von Emanzipationskämpfen heute, zur Relevanz der Grundrechte in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts und den Voraussetzungen für die deutsche Staatsangehörigkeit. Eine erste Testphase an zwei Schulen ergab eine sehr positive Resonanz, was die eigene Gestaltung einer professionell gemachten Ausstellung betrifft. Über dieses Medium wurde den Schülern die Relevanz des Themas und seines Bezugs zur Gegenwart leicht nahe gebracht.

 

Die Unterrichtseinheit zu Gabriel Riesser ist eines der ersten Ergebnisse des Leo Baeck Programms. Auf Lehrerfortbildungsveranstaltungen soll sie den Lehrer/innen erläutert und durch sie erprobt werden. Sie kann als Modell leicht für andere Themen nutzbar gemacht werden.

 

Künftige Ausschreibungen

 

Die Fristen für die Ausschreibungsrunden im Jahr 2007 enden am 1. Mai bzw. 1. Oktober. Bei diesen beiden Terminen sind besonders gern Projekte gesehen, die für Hauptschulen konzipiert sind. Damit knüpft das Leo Baeck Programm „Jüdisches Leben in Deutschland - Schule und Fortbildung“ an die Vergabe des Hauptschulpreises durch die Gemeinnützige Hertie-Stiftung an. Darüber hinaus wird bei der Förderung besonderes auf Antragsteller Rücksicht genommen, die mit ihren Themen in die Nachkriegszeit hineingehen. Die genauen Konditionen der Ausschreibung sowie das Antragsformular und weitere Informationen sind zu finden unter www.lehrerfortbildung-leo-baeck.de .

 

 

Dr. Katharina Rauschenberger

Lehrerforthildung LBI

c/o Jüdisches Museum Frankfurt

Untermainkai 14/15

60311 Frankfurt am Main

Tel.: 0049(0)69/212-33959

lehrerforthildung.lbi@stadt-frankfurt.de



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