Julia Meike / Henning Schluß
Die Ambivalenz des DDR-Schulsystems
Video-Dokumentationen von DDR-Unterricht werden rekonstruiert
Das Projekt
In der DDR wurden seit Beginn der 1970er-Jahre bis in die frühen 80er-Jahre zu Lehrerausbildungs- und Forschungszwecken viele Unterrichtsstunden auf 1-Zoll-Videobändern aufgezeichnet. Fast einhundert dieser Aufzeichnungen sind an der Humboldt-Universität heute noch erhalten, jedoch im Zerfall begriffen. Die unterrichtliche Vergleichsforschung konnte bisher auf diese Dokumente nicht zurückgreifen, weil die Bänder nach der Wende in Vergessenheit geraten waren, die Abspieltechnik an den Universitäten der DDR entsorgt und der Großteil des Personals abgewickelt worden war. Erschwerend kam das Problem hinzu, dass es in den 1970er Jahren noch keine Standards für Videotechnik gab und es somit fast ausgeschlossen schien, ein für die Abspielung der Bänder geeignetes Gerät ausfindig zu machen. Nach zweijähriger Recherche ist dies gelungen.
Ein DFG-Projekt an der Humboldt-Universität zu Berlin ist derzeit dabei, diesen Fundus an 1-Zoll-Videobändern der - vorerst wissenschaftlichen - Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Dazu musste das Material auf ein heute gängiges Medium übertragen und anschließend in ein internetkompatibles wmv- und in ein für die Archivierung hochwertigeres mpgII-Format überspielt werden. Zugleich werden alle erreichbaren Metadaten zu diesen Stunden erhoben und in eine Datenbank eingetragen. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF) werden Datenbank und Videostreams dann über das Internetportal des Fachportals Pädagogik zur Verfügung gestellt ( www.fachportal-paedagogik.de/filme ). Für die erziehungswissenschaftliche Forschung gibt die thematische Breite von Sprach-, Geographie-, Geschichts- bis hin zu mathematisch-naturwissenschaftlichem oder Sportunterricht konkrete und anschauliche Einblicke in die Unterrichtspraxis der DDR. Es sind verschiedene Klassenstufen und Schulformen, so zum Beispiel Aufzeichnungen aus Hilfsschulklassen oder mit Berufsschülern, die einmal Wirtschaftskaufleute werden, vorhanden.
Das Material
Einige der Unterrichtsstunden muten auf den ersten Blick an, als seien sie als Musterstunden konzipiert und durchgeführt worden. Der Lehrer verfolgt im fordernden Stil sein Unterrichtsziel: die Beschreibung der Gleitreibung unter wechselnden Bedingungen. Die Schüler „experimentieren“ in Gruppen, „denn das geht schneller, andererseits wird natürlich die Verantwortung wesentlich größer“. In einer anderen Aufzeichnung - einer Biologiestunde zum Skelettbau der Vögel -wird eine Szene sogar leicht verändert wiederholt und die Lehrerin gibt Regieanweisungen, so dass für diese Stunde zumindest eine bewusste Inszenierung der Aufzeichnung nachzuweisen ist. Bei anderen Stunden wird deutlich, dass Schüler eingeblendet werden, bevor sie von dem Lehrer oder der Lehrerin aufgerufen werden. Auch hier scheint es ein Script des Unterrichtsverlaufes gegeben zu haben. Andererseits werden einige Aufzeichnungen aufgrund großer Disziplinprobleme vorzeitig abgebrochen. Interessant ist, wie die Lehrer auf solche Unsicherheiten reagieren, ob sie in der Lage sind, die Situation souverän neu zu justieren oder ob die Stunde völlig aus dem Ruder läuft. Für beide Varianten gibt es in den Aufzeichnungen Beispiele.
Eine Geschichtsstunde aus dem Jahr 1977 mit dem Thema „Die Sicherung der Staatsgrenzen am 13.8.1961 - ein Beitrag zur Sicherung des Friedens?“ konnten wir in einem Forschungsprojekt bei der FWU mit der Unterstützung der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bereits publizieren. Neben zeitgenössischem Unterrichtsmaterial gelang es auch die Schulklasse ausfindig zu machen und zwei Schüler mit sehr unterschiedlichen Biographien und weitere direkte und indirekte Akteure zu interviewen. Mit diesem und anderem Zusatzmaterial ergänzt haben wir die Stunde didaktisch so aufgearbeitet, dass sie als DVD für den Unterricht in Sekundarstufe I und II heute verwendbar ist und mit dem Comenius-Siegel ausgezeichnet wurde.
Die Ziele
Die Filme sind in eine Datenbank aufgenommen worden, die derzeit über die „Virtuelle Fachbibliothek Pädagogik“ freigeschaltet wird. Neben den Aufzeichnungen, die dort der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung stehen, sind die Angaben des Archivregisters, inhaltliche Zusammenfassungen und Angaben zum Zustand des jeweiligen Artefakts und zum Entstehungskontext digital zu recherchieren. In einem anschließend geplanten Projekt sollen 230 weitere Aufzeichnungen von Unterricht aus der DDR erschlossen werden. Es handelt sich um Material, das an der Potsdamer Hochschule aufgezeichnet wurde und jetzt in Potsdam beziehungsweise in Heidelberg lagert, und um Aufzeichnungen, die in der APW aufgenommen wurden.
Der konkrete Einblick in den Unterricht eröffnet heute verschiedenen Forschungsinteressen neue Möglichkeiten. So ist er beispielsweise für eine linguistische Analyse des Unterrichtsgeschehens ebenso interessant wie für die Frage nach Propaganda und Indoktrination im Unterricht. Die historische Unterrichtsforschung ist nach der Erschließung dieses Materials nicht mehr beschränkt auf die Analyse von Lehrplänen, Unterrichtshilfen und Protokollen, sie kann nunmehr direkt konkreten Unterricht einbeziehen. Besonders auch für die vergleichende Ost-Westforschung bildet diese Art von Unterrichtsdokumentation einen unschätzbaren Wert, weil vergleichbare westdeutsche Unterrichtsaufzeichnungen vorhanden sind.
Die Unterrichtshilfen in der DDR legten die verbindlichen Lehrpläne exemplarisch aus. Hier konnte man detaillierte Stundenentwürfe finden, die zwar nicht eigentlich verbindlich waren, von einer Vielzahl der Lehrerinnen und Lehrer jedoch gern zur Unterrichtsvorbereitung genutzt wurden.
Zum Inszenierungscharakter der Aufzeichnungen vgl. Henning Schluß/Fabio Crivellari: Videodokumentation von Unterricht in der DDR als Quelle - Ergebnisse eines DFG-Projekts zur medialen Unterrichtsforschung. In: Pädagogische Rundschau 61, 2007, S. 437-452.
Autorenkollektiv: Einheitlicher Unterricht - individuelle Förderung aller Schüler. Berlin: Volk und Wissen 1975.
Dies wurde bereits in der Anfangsphase der DDR z.B. auch im DEFA-Spielfilm kritisch thematisiert. In den beiden Berliner Filmen von Wolfgang Kohlhaase aus den 50er und 60er Jahren, „Berlin Ecke Schönhauser“ und „Berlin um die Ecke“, die auf dem 11. Plenum der SED mit einem Aufführungsverbot belegt wurden, ist die Problematik von individuellen Besonderheiten und Freiheiten und gleichzeitigem Engagement z.B. in der „sozialistischen Produktion“ das zentrale Thema.
Der Mauerbau im DDR-Unterricht. Didaktische FWU-DVD, Grünwald 2005. Nr. 4602332.
Fabio Crivellari/Henning Schluß: Unterrichtsdokumentation in der DDR - „'Die Sicherung der Staatsgrenze' als Unterrichtsgegenstand“. In: GWU 57, 2006, H. 9, S. 557f.
Z. B. am Münchner Institut für Unterrichtsmitschau oder dem LISUM in Berlin.