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Ralph Erbar

Zeugen der Zeit

Koordinierungsstelle für Zeitzeugengespräche im Unterricht in Rheinland-Pfalz eingerichtet

 

 

 

Die Befragung von Zeitzeugen ist ein keineswegs neues methodisches Verfahren. Zeitzeugen werden seit Jahren in Wissenschaft und Unterricht mit großem Erfolg eingesetzt. In dem Maße, in dem die Darstellung der „Großen Politik“ durch die Betrachtung der Geschichte „von unten“ ergänzt wurde, begann die Zeitzeugenbefragung auch in der Geschichtswissenschaft und im Schulunterricht, hier vor allem auch bei Fach- und Wettbewerbsarbeiten, an Bedeutung zu gewinnen. Menschen berichten über vergangene Erlebnisse und Eindrücke, über Hoffnungen und Enttäuschungen. Sie bereichern damit nicht nur durch persönliche Begegnungen das Unterrichtsgeschehen, sondern haben darüber hinaus durch neue Perspektiven und Fragestellungen die traditionelle Betrachtung der Vergangenheit aufgebrochen. Alltags- und Sozialgeschichte ist heute ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der historisch-politischen Bildung.

 

Es ist jedoch zu beobachten, dass Zeitzeugengespräche im Geschichtsunterricht häufig (noch) nicht den geforderten Standards entsprechen. Immer wieder treffen bei kurzfristig anberaumten Veranstaltungen unzureichend vorbereitete Zeitzeugen auf ungenügend vorbereitete Schulklassen.

 

Als ersten Schritt zur Optimierung der Zeitzeugengespräche im Unterricht stellte das Pädagogische Zentrum (PZ) des Landes Rheinland-Pfalz in Bad Kreuznach im letzten Jahr die Handreichung „Zeugen der Zeit. Anregungen für Zeitzeugengespräche in Unterricht und Jugendarbeit“ (PZ-Information 2/2006) vor. Sie besteht aus einer didaktisch-methodischen Einführung sowie aus kopierfähigen Arbeitsblättern zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Interviews. Dabei handelt es sich um ein Angebot, aus dem mit Rücksicht auf die spezifischen Bedingungen der jeweiligen Lerngruppe ausgewählt werden kann und muss. Ein Literaturverzeichnis und ein Anhang mit Kontaktadressen von Organisationen, die Zeitzeugen vermitteln können, runden das Heft ab. Es ist erhältlich zum Preis von 3,- Euro beim Pädagogischen Zentrum des Landes Rheinland-Pfalz, Europaplatz 7-9, 55543 Bad Kreuznach.

 

Ausgehend von dem positiven Echo, das mit dem Erscheinen dieser Handreichung verbunden war und ist, richtete eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Herrn Gernot Stiwitz mit Beginn des Schuljahres 2007/08 eine landesweite „Koordinierungsstelle für Zeitzeugengespräche im Unterricht in Rheinland-Pfalz“ ein, die ebenfalls am Pädagogischen Zentrum in Bad Kreuznach angesiedelt ist. Ermöglicht und gefördert wird diese Stelle durch die administrative und finanzielle Unterstützung des zuständigen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur sowie der Staatskanzlei. Der rheinland-pfälzische Geschichtslehrerverband war bei allen Arbeitsschritten von Anfang an beratend tätig.

 

Die Aufgabe der Koordinierungsstelle besteht darin, insbesondere Lehrerinnen und Lehrern aller Schularten, aber auch Interessenten aus anderen Institutionen der historisch-politischen Bildung eine Hilfestellung für die Suche und den Einsatz von Zeitzeugen im Unterricht zu geben. Zu diesem Zweck wurde unter der Adresse www.zeitzeugen.bildung-rp.de eine Internetplattform eingerichtet, die der zentralen Vermittlung von Zeitzeugen dienen soll, die für den schulischen Einsatz in Frage kommen. Schulen, die bereits über zum Teil langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Zeitzeugen verfügen, werden gebeten, diese der Koordinierungsstelle mitzuteilen; umgekehrt können Kolleginnen und Kollegen abfragen, welche Zeitzeugen zu welchen Themen im Umfeld ihrer Schulen zur Verfügung stehen. Dabei sollen nicht nur die großen und wichtigen Bereiche des Nationalsozialismus und des Krieges im Vordergrund stehen. Zunehmend werden auch die politische und Alltagsgeschichtc der Nachkriegsjahrzehnte an Bedeutung gewinnen.

 

In der Zeitzeugendatei, die bereits kontinuierlich wächst, werden Namen, mögliche Themen, Einsatzorte sowie besondere Faktoren verzeichnet und gespeichert, die für den Einsatz der Zeitzeugen von Belang sind. Die entsprechenden Daten werden von den Zeitzeugen selbst mit deren Einverständnis erhoben. Interessierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit einer Anfrage an das Pädagogische Zentrum wenden, erhalten, sofern zu dem gewünschten Thema ein oder mehrere Zeitzeugen verfügbar sind, deren Adresse/n und werden nach Bedarf und auf Wunsch hinsichtlich ihres Vorhabens auch beraten. Zudem soll die Möglichkeit geschaffen werden, in speziellen Fortbildungsseminaren die Vorbereitung, Durchführung und (häufig fehlende) Nachbereitung von Zeitzeugengesprächen an praktischen Beispielen einzuüben. Nach Abschluss der Gespräche werden die Rückmeldungen der Lehrkräfte in der Koordinierungsstelle gesammelt und ausgewertet. Zuständige Ansprechpartner sind Herr Ulrich Eymann ( Eymann@pz.bildung-rp.de ) und Frau Ulrike Steffens ( Steffens@pz.bildung-rp.de ), die auch für die Erstellung der Website verantwortlich zeichnet. Ziel ist es, die Zeitzeugendatei ständig zu erweitern und damit zu einer Dauereinrichtung werden zu lassen. Dabei sind auch die Erfahrungen aus anderen Bundesländern hilfreich und nützlich.

 

Natürlich stellt sich damit die Frage, wer als geeigneter Zeitzeuge in Frage kommt. Zeitzeuge im Sinne der Koordinierungsstelle kann jeder sein, der ein im Sinne der schulischen oder außerschulischen Bildung relevantes Ereignis, einen Zeitraum oder eine Entwicklung selbst bewusst erlebt hat und der bereit ist, mit jungen Menschen über seine Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle zu sprechen. Der Zeitzeuge kann ein von einer bestimmten Entwicklung Betroffener (z. B. ein Verfolgter des Naziregimes) oder auch an einem bestimmten Ereignis aktiv Beteiligter sein (z. B. ein Organisator einer Flucht aus der DDR). Die Fähigkeit der Zeitzeugen, das einstmals Erlebte aus einer kritischen Distanz heraus auch gegenüber der eigenen Rolle zu betrachten, wird notwendigerweise ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. Der Zeitzeuge erzählt nun einmal nicht, wie es damals wirklich war, ja er erzählt noch nicht einmal, wie er das jeweilige historische Ereignis aus seiner damaligen ganz subjektiven Sicht gesehen hat, sondern wie er es - mit dem Abstand von zum Teil mehreren Jahrzehnten und unter Einschluss aller nachträglichen Verformungen - heute sieht. Bei erinnerter Geschichte handelt es sich also immer um eine aktuelle Rekonstruktion, was den Zeitzeugen selbst gar nicht unbedingt bewusst ist, auch nicht bewusst werden muss, den Schülerinnen und Schülern aber schon. Dies im Unterricht zu entdecken, dann liegen Reiz und Herausforderung zugleich. Die Zeitzeugenkoordinierungsstelle Rheinland-Pfalz möchte dabei behilflich sein.



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