„Persönlich sehen ist besser als aus Büchern lernen.“ Dieses Konfuzius-Zitat begleitete das erste Zusammentreffen zwischen deutschen und chinesischen Geschichtslehrern am 10. Oktober d. J. in Hangzhou.
Die Idee zu dem Treffen entsprang aus Erfahrungen des Vorsitzenden des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, Dr. Lautzas, mit Schülerreisen nach China und der Zusammenarbeit mit der Deutschen China-Gesellschaft in Karlsruhe. Deren Vorstandsmitglied Herr Wu Dong organisierte eine 12-tägige Studienfahrt vom 6. bis 18. Oktober für 20 deutsche Teilnehmer, überwiegend Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer. Ein dichtes Besichtigungsprogramm führte die Gruppe von Shanghai über Shaoxing, Hangzhou, Suzhou, Xian nach Peking. Die kulturellen Leistungen der Kaiserzeit beeindruckten ebenso wie die dynamische Entwicklung der Städte des chinesischen Ostens.
Höhepunkte der Reise waren aber zweifellos der knappe Einblick in das chinesische Schulwesen und die Begegnung mit chinesischen Kolleginnen und Kollegen, Schulverwaltungsfachleuten und Didaktikern in Hangzhou.
Der Vormittag war dem Besuch der campusartig angelegten und sehr modern ausgestatteten Xianshan Nr. 2 Highschool in Hangzhou gewidmet. Im Konferenzraum erfuhren wir Einzelheiten über die Rahmenbedingungen des Geschichtsunterrichts in China. Die Lehrer unterrichten nur ein Fach, in der Regel 12-14 Wochenstunden; Geschichte wird in der Jgst. 10 dreistündig, in den Jgst. 11 und 12 als drei- oder fünf-stündiges Wahlfach unterrichtet. Eine zentrale Prüfung in Geschichte/Politik ist jedoch unabhängig von der schulischen Belegung Voraussetzung für den Hochschulzugang. Die Lehrpläne legen neben der chinesischen Geschichte (fünf von neun Schwerpunkten) neuerdings großen Wert auf die Behandlung der außerchinesischen, „globalen“ Geschichte. Beispielsweise werden die französische Aufklärung und Revolution, Bismarck und das 19. Jahrhundert (Einigungskriege, Reichsverfassung und Sozialpolitik!), das Dritte Reich, die Adenauer-Zeit und die Entwicklung von der EWG zur EU als thematische Schwerpunkte vermittelt. Die Schulbücher werden im Abstand von zwei Jahren überarbeitet und im Hinblick auf Quellenauszüge, bessere Bebilderung und attraktivere Ausgestaltung modernisiert. Inwieweit jeweils auch die jüngste chinesische Geschichte einer Revision unterzogen wird, war nicht präzise zu eruieren.
Auch im Methodenbereich seien seit etwa sieben Jahren spürbare Veränderungen intendiert, wie z. B. die stärkere Orientierung auf Schüleraktivität und Diskussion. sowie eine breitere Nutzung von Medien, Zeitzeugenbefragungen und die Einbeziehung außerschulischer Lernorte. Punktuell konnten wir davon anhand einer Ausstellung von Präsentationsplakaten und eines powerpointgestützten Schülerreferats einen Eindruck gewinnen, während der zufällige Blick von außen in drei mit bis zu 50 aufmerksamen Schülern gefüllte Klassenräume eher einen streng ausgerichtetem Frontalunterricht zeigte.
Für den Nachmittag hatte der Geschichtslehrerverband der Provinz Zhejiang in der Xiayan Highschool ein Symposion in zwei Arbeitsgruppen mit jeweils 10 chinesischen und 10 deutschen Teilnehmern organisiert.
In beiden Gruppen wurde über die wahrheitsgetreue Darstellung z. B. des 2. Weltkrieges in den Geschichtsbüchern diskutiert. Uns überraschte die große Nähe der von chinesischer Seite angeführten zentralen Begrifflichkeiten (Wissenschaftsbezug, Multiperspektivität) zu den vorweg eingereichten Thesen der deutschen Gruppe. In der Frage, wie bei einer Vielzahl von Perspektiven dennoch die einzige „wahre“ zu identifizieren sei, konnte jedoch naturgemäß kein Konsens hergestellt werden.
Als vorbildlich bezeichneten die chinesischen Teilnehmer den deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit; ihm stellten sie die auf japanischer Seite - trotz einzelner Ansätze zur Öffnung – noch immer dominierende Verweigerung einer Aufarbeitung der chinesisch-japanischen Vergangenheit gegenüber, die weiterhin das Verhältnis der beiden Länder stark belaste. -
Generell wurde von chinesischer Seite dem Geschichtsunterricht eine zentrale Funktion bei der Erziehung zu „patriotischen und treuen Staatsbürgern“ zugewiesen. Allerdings wurde eingeräumt, dass das Interesse der Schüler an Geschichte in der Mittelschule (Sekundarstufe I) relativ gering sei. Als Königsweg zur Motivationssteigerung wurden modernere und schülergerechtere Materialien und Arbeitsmethoden angeführt, wobei die Umsetzung noch in den Anfängen stecke. Dabei wurden allerdings auch systembedingte Grenzen sichtbar, wie z. B. die Beschränkung der Internetrecherche von Schülern auf die vom Lehrer vorgegebene Seiten. -
Ein geselliges Abendessen in freundschaftlicher Atmosphäre demonstrierte einerseits die Aufgeschlossenheit und das Interesse der chinesischen Gastgeber, zum anderen die Fähigkeit der deutschen Teilnehmer, sich an landesübliche Rituale geschmeidig anzupassen („Gan bei!“) und gleichzeitig als kulturelle Mittler für deutsches Liedgut zu werben.
Dass diese Begegnung zustande gekommen und von beiden Seiten sehr wichtig genommen wurde, ist als Erfolg zu werten. Eine Fortsetzung und Vertiefung der Kontakte erschien allen Teilnehmern wünschenswert. Die Gegeneinladung nach Deutschland im Juni 2009 haben die Chinesen gerne angenommen.
Carola Flues, Wuppertal
Eduard Schön, Solingen
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