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Mythos Rom




Viviano Codazzi (1606-1670)
Romansicht mit Konstantinsbogen und Kolosseum
Öl auf Leinwand
Landesmuseum Joanneum, Alte Galerie



Das antike Fundament des barocken Staates

 

Das humanistische Universum von Schloss Eggenberg lädt ein zu einer faszinierenden Sonderausstellung, die dem Nachleben der römischen Antike im barocken Europa gewidmet ist. Große Sammlungen wie das Kunsthistorische Museum und das Deutsche Historische Museum Berlin haben kostbare Leihgaben zur Verfügung gestellt. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Herrschaftsverständnis des Hauses Habsburg.

 

Das Erbe der römischen Antike ist auf vielfältige Weise im europäischen Bewusstsein präsent. Es sind dabei vor allem zwei Hauptaspekte, die von zentralem Interesse sind: Einerseits ist es die ungebrochene Faszination des überwältigenden architektonischen Erbes, andererseits die richtungsweisende wissenschaftliche Tradition. Beide Aspekte gewinnen im Humanismus und der Renaissance wieder an Bedeutung, und die gesamte abendländische Identität wurde stark von den kulturellen Fundamenten des römischen Reichs geprägt – nicht nur in den Weiterentwicklungen der lateinischen Sprache. Auch die Tradition der römischen Staatskunst des Imperium Romanum übte einen wesentlichen Einfluss auf spätere Zivilgesellschaften aus.

 

Nicht erst seit der Aufklärung beschäftigte man sich mit politischer Philosophie. Auf antiken Erkenntnissen aufbauend, dachte das gelehrte Europa seit der Renaissance über Wege zu einer neuen, inneren Stabilität und Möglichkeiten eines balancierten und ausgewogenen Gesellschaftssystems nach. Diese Bestrebungen waren besonders für das von Glaubenskonflikten und Machtkämpfen gekennzeichnete frühe 17. Jahrhundert – die Epoche zwischen Renaissance und Barock – von zentraler Bedeutung. Es ist dies auch die Zeit des Hans Ulrich von Eggenberg, dessen Schloss wie kein anderes Denkmal die intellektuellen Grundlagen bzw. politischen Ambitionen dieser Epoche widerspiegelt.

 

Zwei große Denker aus Antike und Neuzeit werden dem Besucher in „Mythos Rom“ begegnen, die jenem extrem unruhigen, nach Ausgleich suchenden Zeitalter als geistige Leitsterne galten: der Römer Seneca und der Flame Justus Lipsius. Diese politisch-ethische Komponente des Barockzeitalters soll fokusartig dargestellt werden. Ein zugegebenermaßen abstrakter Gesichtspunkt, der zumeist weniger Beachtung findet als so eingängige Themen wie der Triumph des katholischen Glaubens oder die unendliche Fülle mythologischer Erzählungen. Der/die Besucher/in soll die geistig-moralische Autorität der Antike als Leitbild für barocke Herrschaftsverständnisse in ihren Grundzügen kennenlernen. Die Auswahl der Exponate konzentriert sich primär auf die in Eggenberg beheimateten Sammlungen des Landesmuseum Joanneum: Schloss Eggenberg, Alte Galerie, Münzkabinett und Archäologie – was auch der Erschließung weniger bekannter Sammlungskomplexe dient.

 

So ist dieses Projekt primär kultur- bzw. ideengeschichtlich orientiert, was den Charakter des Landesmuseum Joanneum als Universalmuseum unterstreicht. Sammlungseigene Objekte werden dabei von glanzvollen Leihgaben unterstützt, u. a. aus dem Kunsthistorischen Museum Wien (Gemäldegalerie, Hofrüstkammer, Antikensammlung), der Akademie der bildenden Künste Wien, dem Oberösterreichischen Landesmuseum und der Residenzgalerie Salzburg. Ergänzt wird die Ausstellung durch Gemälde und Grafiken aus Grazer Privatbesitz. Einen besonderen Einblick in die geistige Welt der Antike und des frühbarocken Humanismus werden kostbare Druckwerke der Bibliotheca Ferdinandea aus dem nahen Stift Rein liefern. Diese werden gemeinsam mit Büsten, Porträtstichen sowie umfangreichen Münzserien mit den Bildnissen römischer bzw. habsburgischer Kaiser präsentiert. Geistiges Bindeglied ist hier der Gedanke ungebrochener Kontinuität von römischem Imperium und neuzeitlichem Habsburgerreich.

 

In diesem Kontext werden auch die Erzherzöge als Regenten bzw. die Eggenberger als Statthalter„Innerösterreichs“ thematisiert. All dies steht im Dienste der Darstellung einer historisch begründeten Legitimität von Macht. Die antik inspirierte Erscheinung des neuzeitlichen Fürsten soll sich nicht in der imperialen Geste erschöpfen. Mit der Rolle des Herrschers sind Tugenden verknüpft, die sein Handeln auf eine moralische Grundlage stellen und zur „guten Herrschaft“ verpflichten. So ist die neuzeitliche Kunst im Dienst der Politik nicht nur äußerliche Repräsentation, sondern auch Reflexion, was hier einige – in Form von allegorischen Gemälden präsente – Tugendbeispiele belegen sollen. Kernaussage ist hierbei die moralisch begründete Legitimität. So verbindet sich mit dem absoluten Herrschertum der frühen Neuzeit eine doppelte Legitimität, historisch wie moralisch – was es von modernen Diktaturen jedweder ideologischer Couleur grundlegend unterscheidet.

 

Zum Schluss begegnet der/die Besucher/in einem leicht zugänglichen Thema: der eingangs erwähnten, architektonischen Größe Roms im Spiegel barocker Malerei. Diese zeigt sich nicht nur in der realistischen Wiedergabe berühmter antiker Sehenswürdigkeiten, sondern auch in fantastischen Denkmälern, die ein heroisches Antikenideal vermitteln sollen. In diesen Capricci („Launen“) genannten Bildern, wie sie vor allem das 18. Jahrhundert liebte, wird das antike Rom endgültig zum „Mythos“, der bis heute weiterlebt.

 





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