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Mord im Moor?

Die Bronzezeit im Spiegel von Archäologie und Naturwissenschaft

 

Die Sonderausstellung im Federseemuseum in Bad Buchau zeigt Ergebnisse und Vorgehensweisen eines spannenden Ermittlungsprozesses, zu dem sich eine Expertenrunde von Archäologen und Naturwissenschaftlern aus dem In- und Ausland zusammengefunden hat, um das Schicksal zweier Kinder in der Bronzezeit zu entschlüsseln.  

 

Ein Tötungsdelikt vor 3000 Jahren: Archäologen entdeckten Mitte der 1920er Jahre bei Ausgrabungen im südlichen Federseemoor die menschlichen Überreste von fünf Kindern und einer Frau! Von den Kindern fanden sich allein die Schädel, drei mit tödlichen Hiebverletzungen, allesamt ohne Unterkiefer,  niedergelegt in regelmäßigen Abständen entlang der Palisade einer spätbronzezeitlichen Siedlung.

 

Als feste Bestandteile der Dauerausstellung rücken die Schädel nunmehr in den aktuellen Blickpunkt des Federseemuseums: Das Schicksal zweier Kinder, die vor knapp 3000 Jahren am Federsee lebten – ein Junge und ein Mädchen. 8 Jahre alt. Gewaltsam getötet, vermutlich verwandt. Vielleicht Schwester und Bruder. Bislang gab es von archäologischer Seite lediglich Spekulationen. Die Archäologen wissen heute, dass der Junge mit einer stumpfen Keule und das Mädchen hingegen mit einer scharfkantigen Metallwaffe getötet wurde. Sie möchten jedoch mehr über das Schicksal der beiden Kinder erfahren, so Museumsleiter Dr. Ralf Baumeister, mehr über ihr Alter, Geschlecht und Aussehen, mehr über ihre Herkunft und Verwandtschaftsverhältnisse erforschen. Darüber hinaus werden uns Details über ihren Ernährungs- und Gesundheitszustand und Erkenntnisse über ihre Lebensumstände und –gewohnheiten weiter helfen, das Bild über den Menschen in der Bronzezeit vor ca. 3000 Jahren am hiesigen Federsee zu vervollständigen.

 

Und gleichermaßen rücken auch die Gesichter zweier Kinder in den Fokus der Experten, die bis in die Nasenspitze von Fachleuten der Anthropologie rekonstruiert und in  modernsten Computertomographen analysiert und digitalisiert wurden.

 

„Die frappierende Übereinstimmung zahlreicher anatomischer Besonderheiten legt die Vermutung nahe, dass die Kinder verwandt waren – vielleicht waren es Bruder und Schwester“, resümiert Dr. Martin Menninger vom Bioarchäologischen Labor der Universität Tübingen. Seine Arbeiten beruhen in Teilen auf hochtechnisierten Vorarbeiten des Instituts für Mechatronik der Hochschule Aalen, das die 1:1-Kopien der Schädel für die Gesichtsrekonstruktionen erstellte. Geochemische Daten zeigen zudem, dass die Kinder ihre ersten Lebensjahre im Federseemoor verlebten. Was war damals geschehen? „Wir wissen heute vom Klimasturz um 850 v. Chr., der der Besiedlung im Moor ein Ende setzte. Allein dies wirft zahlreiche Fragen auf, die wir heute zumindest in Teilen sehr genau beantworten können“. Das Museumsteam um Dr. Ralf Baumeister nähert sich den Fragen und rollt diesen spektakulären Fall mit modernsten forensischen Methoden, neuester Technik und der Unterstützung  von namhaften Instituten und Fachleuten ganz neu auf.

 

Archäologen, Gerichtsmediziner und Röntgenspezialisten arbeiten in diesem Großprojekt eng zusammen um Antworten zu finden auf die Fragen: Was war damals wirklich geschehen? Wer waren die Kinder? Wie sahen sie aus? Wie lebten sie und wie sahen sie aus? Warum mussten sie sterben? War es Absicht oder Versehen, Ritual oder Mord?

 

„Tod durch Fremdeinwirkung“ – so könnte das erste Fazit des Kriminalkommissars lauten, in dessen Büro die Sonderausstellung beginnt. Dafür wurde ein Teil des Museums in eigens eingerichtete Büros und Labore umgestaltet, die Einblicke in die Arbeit und Vorgehensweise der Spezialisten bieten  und deren Erkenntnisse wie im Puzzle im Federseemuseum zu einem Gesamtbild zusammenlaufen. Hier erfährt der Besucher mehr zum Tatort und über die Tatzeit, mehr über Geschlecht und Verwandtschaft, Ernährungslage und Gesundheitszustand der Kinder und mehr zum gesamten Tatgeschehen.

 

Die Opfer und ihre Zeit treten durch die Retrospektive in die Superlative und erlangen schließlich durch modernste anthropologische Forschung wieder ein Gesicht. So lässt den Besucher das Schicksal dieser Kinder auch nach 3000 Jahren nicht unberührt. Und nicht zuletzt bewegt eine Frage die Gemüter: Waren diese beiden Kinder womöglich die ältesten Bewohner von Buchau? Aber auch diese Frage ist inzwischen geklärt – sie stammen tatsächlich aus dem Federseemoor.

 

 



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