2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg
Ausstellung in Osnabrück
vom 22. April bis 4. Oktober 2009
Wie hat die technologische Entwicklung das Bild vom Krieg verändert? Warum sind Kriegsberichte so erfolgreiche Konsumgüter? Antworten dazu findet der Besucher an den drei Ausstellungsorten des Ausstellung "Bilderschlachten": dem Museum Industriekultur Osnabrück, der Kunsthalle Dominikanerkirche und dem Erich Maria Remarque-Friedenszentrum. In jedem der drei Häuser sind künstlerische, technische und historische Exponate zu sehen. Die vom European Media Art Festival ausgewählten internationalen Kunstwerke befragen das suggestive und manipulative Potential der Medien.
Rundgang Museum Industriekultur
Im Museum Industriekultur Osnabrück werden Schlaglichter auf die Entwicklung von der Antike bis zum Ersten Weltkrieg geworfen. Das Modell eines römischen Signalturms, eine Buchdruckpresse und Schlachtenbilder führen vor, wie Nachrichten übermittelt wurden. Vier Neue Zeitungen (1536–1613) zeugen von Von glücklicher Eroberung.
Reitende Boten sind zur Nachrichtenübermittlung im militärischen wie im zivilen Bereich über Jahrhunderte im Einsatz gewesen. Beispielsweise zeigt ein kolorierter Holzschnitt, der anlässlich der Unterzeichnung der Friedensverträge vom 24. Oktober 1648 entstand, einen kaiserlichen Boten, der das Ende des Dreißigjährigen Krieges verkündet. Wie die Fotografie eines Meldereiters mit Gasmaske aus dem Ersten Weltkrieg zeigt, kam man trotz des Einsatzes moderner Nachrichtentechnik auch im Ersten Weltkrieg nicht ohne sie aus.
In dem vergleichsweise großen Spektrum an Themen steht im Museum Industriekultur die Kriegsberichterstattung über die Einigungskriege im 19. Jahrhundert in Zentrum. Erstmals lagen seinerzeit die großzügig illustrierten Berichte aus den Kriegen einer großen Leserschaft rasch vor. So konnten die kriegerischen Auseinandersetzungen ohne zeitliche Verzögerung nahezu "unmittelbar" verfolgt werden. Für die ohnehin von nationalem Überschwang ergriffene Bevölkerung in der Heimat ergab sich auf diese Weise eine Identifi- kationsmöglichkeit mit dem Geschehen, die bis dahin nicht erreicht werden konnte. Aus dem künstlerischen Bereich sind im Museum Industriekultur unter anderem die Arbeiten von Evelina Rajca und Julius von Bismarck zu sehen. Evelina Rajca präsentiert mit Lockvogel vier an einer Wand befestigte Armprothesen aus unterschiedlichen Jahrzehnten, mit denen der Besucher auf Wunsch interagieren kann: Stellt er sich unter eine ausgestreckte Hand, streichelt sie ihm durch die Haare. Eine weitere interessante künstlerische Arbeit ist der Image Fulgurator von Julius von Bismarck. Das ist ein Gerät, mit dem Manipulationen von Fotografien möglich werden. Allerdings nicht in Form klassischer Nachbearbeitung: der Image Fulgurator verändert Motive in genau jenem Moment, in dem sie von jemandem fotografiert werden.
Rundgang Kunsthalle Dominikanerkirche
In der Kunsthalle Dominikanerkirche ist die Entwicklung der Kriegsberichterstattung vom Zweiten Weltkrieg bis zu zeitgenössischen Computerspielen dargestellt. Ein Beispiel dafür: Die Eyemo Camera 71 Q - eine Handkamera. Sie wurde von den 1930er bis in die 1960er Jahre weltweit als Kamera von den Wochenschau-Firmen verwendet und war praktisch unzerstörbar.
Bereits seit Ende des Ersten Weltkrieges bedient sich Propaganda zunehmend erfundener oder inszenierter Ereignisse, um die Meinung der eigenen oder der Weltbevölkerung zu beeinflussen oder das militärische Handeln zu legitimieren. Von der Propaganda ausgewählte oder inszenierte Ereignisse bestimmen auch nach Ende eines Konfliktes maßgeblich das Bild des Krieges im kollektiven Gedächtnis. Mit dem Beginn des Einsatzes von PR-Agenturen werden Propaganda-Aktionen komplexer, die involvierten Personen und Personengruppen umfangreicher, die angestrebte Ziele sind nicht unmittelbar erkenntlich. Auch Jahrzehnte nach der Aktion gelingt es meist nur in Einzelfällen, ein Ereignis als Propaganda zu identifizieren – dann allerdings ist das Ziel der Aktion längst erreicht: der Krieg hat bereits stattgefunden.
Als erster "Living-Room-War" gilt der Vietnam-Krieg, da viele Menschen den Krieg erstmals vom Fernsehschirm aus verfolgen konnten. Die amerikanische Künstlerin Martha Rosler hat in ihren Fotocollage-Serien seit 1968 auf den Konsum- und Lifestyle-Charakter dieser Bilder aufmerksam gemacht. 2004 und 2008 montierte sie in ihrer Serie von Fotomontagen Bringing the War Home: House Beautiful Illustriertenausschnitte zum Vietnamkrieg in Interieurs der US-amerikanischen Wohlstandsgesellschaft vom Typ "Schöner Wohnen". Anders geht die amerikanische Künstlerin Lynn Hershman mit den Kriegsbildern um. Sie manipuliert in ihrer Arbeit America`s Finest eine M-16, eines der meistbenutzten US-amerikanischen Sturmgewehre des Vietnamkrieges, und stattete es mit einer besonderen Zieloptik aus. Zielt der Benutzer und drückt er den Abzug der Waffe, erscheint er selbst im Fadenkreuz. Die Künstlerin personalisiert damit den anonymen Blick moderner Distanzwaffen und macht ihn für den Einzelnen konkret erfahrbar.
Rundgang Erich Maria Remarque-Friedenszentrum
Das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum bildet mit unterschiedlichen künstlerischen Positionen zum Thema den Abschluss der Ausstellung. Ruth Schnells All Targets Defined setzt sich mit den Technologien und der Rezeption der modernen Kriegführung und der allgegenwärtigen visuellen Überwachung auseinander. Die Apparate und Bilder des wirklichen Krieges unterscheiden sich kaum von den War Games für den Heim-PC. Die modernen Mittel der Berichterstattung liefern so viele Bilder von der Front wie nie zuvor, entrücken andererseits aber das reale Geschehen durch die medialen, künstlichen Bilder durch die Optiken der Zielfernrohre und Nachtsichtgeräte in eine von der Realität abgehobene Virtualität. Oliver van den Bergs aus Kiefernholz gefertigte Kameras nehmen als Relikte einer überdimensionierten Pressekonferenz den Ausstellungsraum in Beschlag Sie stehen in Widerspruch zu Werkstoff und Funktion der technischen Hochglanzvorbilder und kreisen gleichzeitig um die Frage nach Original und Abbild. Ein Faustkeil aus der vorgeschichtlichen Zeit schließt den Bogen und erinnert daran, dass nur ein schmaler Grat zwischen Werkzeug und Waffe, zwischen Zivilisation und ihrer Perversion besteht – stets abhängig von den Interessen der Akteure.
Adressen der Veranstaltungsorte
Museum Industriekultur Osnabrück
Süberweg 50 a, 49090 Osnabrück, Tel. 0541/ 912 – 78 45
Kunsthalle Dominikanerkirche
Hasemauer 1, 49074 Osnabrück, Tel. 0541/ 323 – 2190
Erich Maria Remarque-Friedenszentrum
Markt 6, 49074 Osnabrück, Tel. 0541/ 969 - 2448
Öffnungszeiten in allen Häusern
Dienstag – Sonntag 10-18 Uhr
Eintritt für alle Ausstellungsorte
5€ (3€ ermäßigt) oder Kulturkarte