Peter Lautzas
Was zunächst die allgemeine Situation des Faches Geschichte anbetrifft, so kann sie entgegen eines manchmal geäußerten Pessimismus, der meist auf Befürchtungen beruht, und trotz einiger Einschränkungen hinsichtlich des einen oder anderen Landes insgesamt als stabil und in seinem Bestand gesichert angesehen werden. Bei Diskussionen um Neuansätze ist zu beobachten, dass unser Fach durchaus angemessene Wertschätzung genießt, - etwa festzustellen daran, dass es nach den sogenannten Hauptfächern meist als erstes genannt und festgeschrieben wird -, trotz alledem aber nicht immer ungeschoren davon kommt. Gefahr droht zur Zeit eher von ökonomischen Überlegungen her und auch von gelegentlicher Kurzsichtigkeit der Verwaltungen, die im Karussell der immer schneller aufeinander folgenden Veränderungen pädagogische Aspekte manchmal aus dem Auge verlieren. Gerade angesichts der immer unübersichtlicher werdenden Situation und der zahlreichen Sonderlösungen in den einzelnen Ländern ist nach wie vor höchste Aufmerksamkeit geboten.
Nicht zuletzt aus diesem Grunde sah der Vorstand eine wichtige Aufgabe darin, die öffentliche Präsenz des Verbandes zu verstärken. Dazu war zunächst notwendig, eine gewisse Professionalisierung voranzutreiben und an einem zeitgemäßen Image zu arbeiten. In der öffentlichen Wahrnehmung werden ja Historiker allgemein als „Propheten der Vergangenheit“ angesehen, die weniger gegenwarts- und zukunftsbezogen denken. Mit einer ansprechenden Homepage und einem modernen Design sind wir in der Präsentation des Verbandes ein gutes Stück voran gekommen.
Als nächster Schritt wurde eine stärkere Öffnung des Verbandes in Angriff genommen, wobei mit möglichst vielen Institutionen, die für den Geschichtsunterricht von Bedeutung sind, Kontakte neu belebt und zahlreiche neue erschlossen wurden. Vor allem wissenschaftliche Einrichtungen verschiedener Art, Institute, Behörden und Verlage wurden kontaktiert. Die Resonanz war sehr positiv, kann zusammenfassend festgestellt werden. Es entstand der Eindruck und schlug sich auch in einer Reihe von Vereinbarungen nieder, dass der VGD ein gern gesehener Partner ist, - nicht zuletzt auch deshalb, weil aller Orten - schon aus Gründen öffentlicher Legitimation - die Notwendigkeit gesehen wird, Konzepte in der Breite wirksam werden zu lassen. Und hierbei bedient man sich gerne unserer Möglichkeiten - ideale Symbiosen. Das Interesse an unserem Verband fand ganz besonders in konkreter materieller Hinsicht seinen Ausdruck, was als untrügliches Indiz zu werden ist. Um dem eine organisatorische Form zu geben, wurde die Möglichkeit einer fördernden Mitgliedschaft neu belebt. Der Erfolg kann sich sehen lassen, wobei aber zu betonen ist, dass erhebliche Aufwendungen dafür erforderlich waren: 83 Einrichtungen wurden dazu angeschrieben.
Ein weiteres Indiz war, dass mit den meisten Interessenten Kooperationen unterschiedlicher Art vereinbart und zum großen Teil auch schon realisiert werden konnten. Dabei ist hervorzuheben, dass die Ideen und Vorschläge für konkrete Projekte fast ausschließlich von unserem Verband kamen. Das lässt auch hier die - vielleicht auch für die Landesverbände interessante - Schlussfolgerung zu, dass die Bereitschaft zur Kooperation in sehr vielen Fällen vorhanden ist, die Initiative aber von uns kommen muss. Bei diesen erfreulichen Erscheinungen ist aber zu beachten, dass der VGD damit aber auch Verpflichtungen übernimmt. Das sollten wir uns deutlich klar machen. Nicht überall in unserem Verband wird das noch in der erforderlichen Deutlichkeit gesehen. Insbesondere wäre zu wünschen, dass sich noch mehr Mitglieder an den zahlreichen Aktionen beteiligen.
Im Zuge der Kooperationen und Unterstützungen ist es weiterhin gelungen, eine ganze Reihe von Sponsoren zu gewinnen, sodass alle im Folgenden aufgeführten Arbeitsgemeinschaften - und übrigens auch der überwiegende Teil der Dienstreisen der Vorsitzenden - mit diesen Geldern gedeckt werden konnten. Das hat nicht nur den desolaten Kassenstand des Bundesverbandes entlastet und ihm damit Bewegungsfreiheit verschafft, sondern dem VGD auch angesehene Partner verschafft. Beides können wir gut gebrauchen.
Auf Anregung des Bundesverbandes, meist von ihm auch geplant und durchgeführt, sind im Berichtszeitraum sechs Veranstaltungen zustande gekommen, die auf Grund der heutigen allgemeinen Finanzlage nur mit Kooperationspartnern zu realisieren waren. Bis zu 6 - sehr angesehene - Partner brachte der VGD zusammen, eine nicht ganz leichte Aufgabe.
Die Hauptaktivitäten des Vorstandes richteten sich in der zurückliegenden Amtsperiode aber auf die inhaltlichen Aufgaben. Zu zentralen Problembereichen wurden Arbeitsgemeinschaften eingerichtet, die bei Sponsoren, Verbandsmitgliedern und Wissenschaftlern gleichermaßen Anklang fanden, aber natürlich unterschiedlich schnell arbeiten. Ein wichtiges Anliegen war dabei, in der gemeinsamen Zusammensetzung von Schulpraktikern, Didaktikern und Wissenschaftlern gewissermaßen beispielhaft Schule und Universität einander wieder näher zu bringen - und damit auch manchen bildungspolitischen Entwicklungen wenigstens signalhaft entgegen zu wirken. Die wissenschaftlichen Einrichtungen, auch unter einem gewissen Legitimationszwang und auf Grund der Studienreformen zu mehr Praxisnähe verpflichtet, gingen bereitwillig darauf ein.
Die einzelnen Arbeitsgemeinschaften seien nun kurz dargestellt (nähere Auskünfte mündlich):
Die AG „Deutsch-deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg“, angeregt und geleitet vom VGD, gegenwärtig bestehend aus 6 Wissenschaftlern und 7 Verbandsmitgliedern und finanziert von der Robert-Bosch-Stiftung sowie der Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet seit November 2002 nach einem
4-Phasen-Plan:
* In einer ersten Phase 2003 und 2004 wurde ein zugleich wissenschaftlich und
didaktisches Konzept zur Neubetrachtung der Periode 1945 - 1990 deutscher
Geschichte erarbeitet und wird hier auf dem Historikertag in einer Sektion
vorgestellt.
* In einer zweiten Phase 2004 wurde und wird das entwickelte Konzept, noch
parallel zum letzten Stadium der Erarbeitung, in 4 Veranstaltungen mit
Wissenschaftlern, Schulpraktikern, Lehrplanmachern, Ministerialbeamten und
Schulbuch-Redakteuren einer Evaluation unterzogen. Diese Testveranstaltungen
bestätigen voll den gewählten Weg.
* Nach Einarbeitung all der gesammelten Anregungen wird das so verbesserte Konzept in
einer dritten Phase im Jahr 2005 in einer Publikation - bei der Bundeszentrale wie in einer
Verlagsausgabe - der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Parallel dazu laufen schon 2004
eine Reihe Initiativen zur Umsetzung.
* In einer vierten Phase, die aber finanziell noch nicht abgesichert ist, sollen auf
der Grundlage dieses Ansatzes konkrete Unterrichtsmaterialien entwickelt
werden. Die Beteiligung der „Stiftung Lesen“ in Mainz, die als
Kooperationspartner begleitend dazu Lese-Empfehlungen beisteuern will, ist
bereits vereinbart.
Von der wissenschaftlichen Seite wird die AG getragen vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, deren beide Direktoren mitarbeiten, mit dabei sind Vertreter der „Stiftung Aufarbeitung“ und der Birthler-Behörde in Berlin, die besonders die 2. Phase finanziell ermöglicht haben und ihre Arbeit mit der der AG inhaltlich koordinieren.
Die AG „Geschichte des Judentums in Deutschland“, die bisher nur zweimal tagen konnte, am 21./22.6.2004 aber einen neuen Impuls zur Weiterarbeit erhalten hat, besteht zur Zeit aus 8 Verbandsmitgliedern und wird vom Ernst-Klett-Verlag Leipzig gefördert. Sie will versuchen, zeitgemäße Vorschläge dieses wichtigen Erbes in und für Deutschland zu formulieren, dabei den Blick keineswegs nur auf die Zeiten des Konflikts richten und neue Forschungsansätze aufnehmen. Unsere Überlegungen und Aktivitäten überkreuzten sich Ende 2002 mit denen einer Arbeitsgruppe des Leo-Baeck-Instituts. Der Vorsitzende ist inzwischen in Letzterer Mitglied, sodass die Bestrebungen koordiniert werden können. Als erste Ergebnisse liegen die „Orientierungshilfen“ zur Behandlung der deutsch-jüdischen Geschichte im Unterricht vor, die 2003 von der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Frau Karin Wolff, in einer gemeinsamen Pressekonferenz der Öffentlichkeit übergeben wurden und die es seitens des Vorstandes gelungen ist, allen Verbandsmitgliedern zuzustellen, ferner in einer ersten Veranstaltung am 21./22. Juni 2004 im Jüdischen Museum in Berlin.
Anlässlich der 60. Wiederkehr des Kriegsendes und der Befreiung vom Faschismus im Jahr 2005 plant der Bundesverband vom 1. bis 8. Mai eine Exkursion nach Polen für Verbandsmitglieder, vorzugsweise - aber nicht ausschließlich - zu den Stätten jüdischen Lebens und Leidens. Die Reise, die auch ein Treffen mit polnischen Kollegen vorsieht, geschieht in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Organisation „March of the Living“. Höhepunkt ist ein internationales Gedenktreffen in Auschwitz am 5. Mai. Die Kosten übernimmt im Wesentlichen der Veranstalter. Kollegen und Kolleginnen, die sich für die Reise interessieren, wenden sich bitte an den Vorsitzenden.
Die AG „Weltgeschichte“, gefördert vom Cornelsen-Verlag und der Universität Siegen sowie getragen vom Georg-Eckert-Institut in Braunschweig, umfasst zur Zeit 3 Wissenschaftler und 3 Verbandsmitglieder. Sie tagte auf Grund von engen terminlichen Verpflichtungen der Beteiligten bisher nur zweimal, kann aber hier auf dem Historikertag einige weiterführende Gedanken in einer Aktion zur Diskussion stellen. Das Phänomen der Globalisierung ist von den Historikern noch nicht in der erforderlichen Dringlichkeit wahrgenommen worden. In der Schule droht die Lebenswirklichkeit dem Geschichtslehrer in dieser Frage davon zu laufen. V.a. die vorhandenen Lehrpläne nehmen die weltgeschichtliche Dimension kaum zur Kenntnis.
Die AG „Begegnung der Kulturen“, gefördert von der Körber-Stiftung, tagte auf Grund mangelnder Führungskraft leider nur einmal, hat aber durch das anhaltende Interesse der Stiftung und neuen profilierten Leitung einen neuen Impuls zur Weiterarbeit erfahren. Besonders hier haben interessierte Verbandsmitglieder noch Gelegenheit zur Mitarbeit.
Die AG „Richtlinien für den Geschichtsunterricht“, die die vorhandene Synopse aktualisieren sollte, hat trotz guter Zuarbeit keine neue Version vorlegen und weitergehende Überlegungen anstellen können. Es fragt sich ohnehin, ob angesichts des schnellen Verfallsdatums von Lehrplänen nicht das Internet die geeignete Informationsquelle und eine Veröffentlichung des VGD in schriftlicher Form überflüssig ist.
Was unsere internationalen Aktivitäten anbetrifft, so ist das Verhältnis zu EUROCLIO auf Grund dortiger unakzeptabler Amtsführung und Verhaltensweisen als gespannt zu bezeichnen, sodass der Hauptvorstand beschlossen hat, die Mitgliedschaft bis auf Weiteres ruhen zu lassen. Dem gegenüber verzichtet der Verband aber nicht auf internationale Arbeit und hat, gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung, eine Kooperation mit dem Geschichtslehrerverband Lettlands angebahnt und auch bereits Ende Juni 2004 in Riga ein erstes gemeinsames Wochenseminar durchgeführt. Von unserer Seite nahmen 9 Verbandsmitglieder daran teil. Die Veranstaltung, an der von lettischer Seite der dortige Verband, die Universität Riga und das Kultusministerium beteiligt waren und die von deutscher Seite durch ein Grußwort des Botschafters Förderung und Nachdruck erhielt, wurde von allen Seiten als voller Erfolg gewertet: Die Arbeit war ertragreich, die Atmosphäre herzlich, der Wunsch nach Fortsetzung der Kontakte einhellig. Es ist geplant, im Jahre 2005 ein entsprechendes Wochenseminar in Berlin durchzuführen. Die Finanzierung dafür scheint erreichbar zu sein.
Die Zusammenarbeit mit der Universität gestaltete sich im Berichtszeitraum problemlos und angenehm. Das betrifft einmal den Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V., in dessen Ausschuss der Vorsitzende unseren Verband vertritt und der dabei stets verständnisvolles Gehör und ebensolche Unterstützung erfuhr, wie die Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD), mit der der VGD durch gegenseitige Mitgliedschaft - wie auch mit der Arbeitsgemeinschaft „Geschichte für Europa (AGE)“ - verbunden ist. Zu den Hochschuldidaktikern gestaltete sich die Verbindung durch die Einrichtung zweier gemeinsamer Arbeitsgemeinschaften enger: „Reform der Lehrerausbildung“ und „Lehrplanrevision“, welche Letztere gemeinsame Vorstellungen zur Standard-Diskussion formulieren und in sie einbringen sollte. Leider ist es bisher in beiden Fällen bei der Absicht geblieben.
Ebenso problemlos, angenehm und effektiv gestaltete sich die Zusammenarbeit des Bundesvorstandes mit den verschiedenen Publikationsorganen. Die GWU war offen für Wünsche des VGD, allerdings nicht gesprächsbereit hinsichtlich einer stärkeren Mitwirkung des Verbandes bei der Herausgeberschaft und einem größeren Anteil an den Heften (Problem konkret: Wie wären sie regelmäßig zu füllen?), die „Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer“ sowie GPD waren bereit, regelmäßig Nachrichten des Bundesverbandes zu übernehmen. Im publizistischen Bereich wäre eine stärkere Beteiligung der Mitglieder sehr wünschenswert. Bei Interesse gibt der Vorsitzende gern Hinweise.
Als letzter, aber keineswegs unwichtiger Punkt ist darauf hinzuweisen, dass wir in Zukunft der Entwicklung der Mitgliederzahlen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken und neue Wege und Formen der Werbung und der Mitgliedschaft entwickeln müssen. Insbesondere muss vom Bund, aber auch von den Landesverbänden Sorge getragen werden, dass die „einfachen“ Mitglieder in die Arbeit mit einbezogen und ihnen auch Vorteile zugänglich gemacht werden.
Insgesamt ist der Verband auf gutem Wege, vor allem, solange er sich „einmischt“ und auch nützliche Beiträge in konkreten, für die Gegenwart relevanten Feldern zu leisten in der Lage ist. Auf Grund der Sparpolitik der Länder sieht es so aus, als würde die Lehrerfortbildung im Fach, die vom Staat kaum noch angeboten wird, ein neues, wichtiges Betätigungsfeld des Geschichtslehrerverbandes werden. Hier gilt es für uns, nicht zu zögern.