Pergamonmuseum
Berlin
26. Juni bis 5. Oktober 2008
Eine Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin, des Musée du Louvre und der Réunion des musées nationaux, Paris und des British Museum, London.
Kuratiert durch das Vorderasiatische Museum und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin mit Unterstützung der Staatbibliothek zu Berlin.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Bundesministers des Auswärtigen Dr. Frank-Walter Steinmeier.
Babylon – Mythos und Wahrheit: Mit dieser großen Ausstellung im Pergamonmuseum zeigen die Staatlichen Museen zu Berlin den Mythos Babel und die Wahrheit um das antike Babylon. Zwei Welten, eine Ausstellung.
Das erste Kapitel der Ausstellung (=Wahrheit) legt die Wurzeln unserer abendländischen Kultur durch den Blick auf die archäologischen Relikte frei und zeigt, was hinter den Legenden steckt. Im Zentrum dieses Kapitels steht das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon – eines der sieben Weltwunder der Antike. Über 800 Objekte, darunter Statuen, Reliefs, Weihgaben, Architekturteile und Schriftzeugnisse, werden gezeigt.
Das zweite Kapitel der Ausstellung (=Mythos) betrachtet Babylon als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation – Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn. In der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babel verknüpft mit den Urängsten der Menschheit. Hier erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse.
Mit dieser Ausstellung werden erstmals die babylonischen Schätze aus den Universalmuseen der Welt in einer Ausstellung gemeinsam präsentiert. So gelingt es, die dreitausendjährige Geschichte Babyloniens auf einzigartige und umfassende Weise zu veranschaulichen.
Babylon: Wahrheit
(Ausstellungskapitel im Vorderasiatischen Museum im Pergamonmuseum)
Seit über 150 Jahre befassen sich Archäologen mit Hilfe von Ausgrabungen und der Entzifferung von Keilschrifttafeln mit den Überresten der untergegangenen Kultur Babylons. Großen Anteil an diesen Forschungen haben die deutschen Ausgrabungen unter der Leitung Robert Koldeweys. Sie begannen 1899 und endeten in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Tagebücher, Fundprotokolle und Fotos dokumentieren die Arbeit der Archäologen. Aquarelle und Tagebucheintragungen der Ausgräber geben darüber hinaus interessante Einblicke in den Alltag der Forscher. So entsteht eine faszinierende kulturgeschichtliche Rückschau bis in das 3. Jahrtausend v. Chr., eine Rückschau auf das Leben in einer Region, die für unsere eigene europäische Entwicklung von immenser Bedeutung war.
Königtum
Die Geschichte kennt Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr.), den Begründer des neubabylonischen Reiches, als ruhmreichen Heerführer und erfolgreichen Staatsmann, der sein eigenes Land zu großem Wohlstand und innerem Frieden führte. Die Herrschaftsform dieses Königtums legitimierte sich erstmals als gottgegeben.
In diesem Ausstellungsteil finden sich sowohl Skulpturportraits altorientalischer Könige, als auch die Insignien königlicher Macht. Waffenfunde und eine umfangreiche Keilschriftkorrespondenz zeigen die Funktion des altorientalischen Herrschers als Verwalter des Staates, als oberster Feldherr und erster Diplomat.
Religion
Die babylonische Götterwelt fokussierte sie sich auf Marduk, den Reichsgott der Babylonier. Er wohnte in seiner Stadt als Herr der Herren. Im Ansatz ein „Primus inter pares“, orientierte sich die mächtige Priesterschaft theologisch auf diesen einen Gott – eine Idee, die bis in unsere Tage in Gestalt einer monotheistisch geprägten religiösen Weltauffassung wirkt. Darüber hinaus verehrte das Volk noch weitere Götter und Dämonen, deren Vielfalt durch zahlreiche Abbildungen,
Symbole und Symboltiere anschaulich wird. Diese finden sich auf Skulpturen, Ziegelreliefs und Rollsiegeln. Siegelbilder und Keilschrifttexte belegen die Lobpreisung der Götter und die Bedeutung des Königs als Mittler zur Götterwelt. Daneben waren die babylonischen Tempel auch große Verwaltungs- und Wirtschaftseinheiten.
Recht
Berühmt ist der altbabylonische Herrscher Hammurapi (1810-1750 v. Chr.) als „König der Gerechtigkeit“ durch die älteste vollständig erhaltene Rechtssammlung seines Großreiches an Euphrat und Tigris. Der Codex Hammurapi wurde 1902 bei Ausgrabungen in Susa gefunden. Die
Ausstellung zeigt eine Kopie dieser Stele – das einzigartige Original lagert im Louvre in Paris. Recht und Ordnung als göttlicher Auftrag und soziale Fürsorge gehörten zum Staatsprogramm und wurden schriftlich niedergelegt. Die Ausstellung zeigt in eindrucksvoller Zahl Exponate der Korrespondenz zu Gerichtsurteilen und Verträgen.
Wissenschaft
Kein Sternzeichen, keine Uhr, kein Kalender ist denkbar ohne die einzigartige Blüte, welche die Wissenschaft in Babylonien erreichte. Grundlage für die Blüte bildet die Erfindung der Schrift. Erst dadurch war es möglich, Erkenntnisse über Generationen weiterzugeben. Und auch in sprachwissenschaftlicher Theorie blickt Babylon auf eine Tradition mehrerer Jahrtausende zurück. Ganzheitliche Weltsicht, Errungenschaften der Medizin bis hin zur Astrologie, all dies wäre ohne die babylonischen Chaldäer nicht möglich gewesen.
Baukunst
Lehmziegel dienten als Baustoff für Wohnhäuser, Paläste, Tempelanlagen, Stadtmauern und -tore. Aus dem einfachen Baustoff Lehm entstanden in Babylonien ganze Städte, in denen zehntausende Bewohner lebten – die ersten urbanen Systeme der Zivilisation.
Die berühmtesten Werke des babylonischen Bautenalmanachs sind der Ziqqurat – der Tempelturm Babylons –, das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon, die in der Antike zu den sieben Weltwundern zählten. Das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße erstrahlen in der Ausstellung in völlig neuem Licht.
Die unterschiedlichsten Rekonstruktionsversionen der Ziqqurat Babylons dokumentieren Modelle aus sieben Jahrzehnten. Als Modell wird auch Babylon in seiner gesamten Größe präsentiert. All dieses wäre jedoch nicht realisierbar gewesen, wenn nicht die mathematischen Grundlagen für die Planung derartiger Bauten vorhanden gewesen wären. So ist der Satz des Phytagoras originär tatsächlich den Babyloniern zuzuschreiben.
Von seiner Anwendung zeugen entsprechende Pläne auf Tontafeln in der Ausstellung. Auch die Textfunde belegen die Bedeutung des Königs als Bauherr in den großen Städten Mesopotamiens.
Alltag
Die Freude am Leben im alten Babylon zeigt sich in den Darstellungen von Musikern, Würfel- und Brettspielen und nicht zuletzt des Liebesspiels. Wie die Babylonier lebten, dokumentieren Gegenstände des alltäglichen Bedarfs, aber auch Luxuswaren. Massenprodukte einfacher Keramikgefäße stehen im Kontrast zu fein gearbeiteten Gegenständen aus Glas, edlen Steinen und Bronze. Kleine Terrakotta-Figuren mit ihrer fast portraithaften Qualität zeigen, dass in Babylon Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft lebten: Juden, Ägypter, Perser, Griechen – alle fanden in Babylon eine neue Heimat.
Die Präsentation von Beigaben aus Gräbern unterschiedlicher Epochen dokumentiert nicht nur die religiösen Vorstellungen der Babylonier bezüglich des Jenseits, sondern auch die sozioökonomische Stellung der Toten. Aussagen über die Vorstellungen vom Jenseits finden sich in zahlreichen Schriftzeugnissen, vor allem in den bekannten babylonischen Mythen „Gilgamesch“ und „Ischtars Gang in die Unterwelt“.
Arbeit
Effektive Anbaumethoden, eine ausgefeilte Buchhaltung und Planung, straffe Personalverwaltung und juristisch verlässliche Grundlagen, staatlicher und privater Handel, industriell anmutende Fertigungsmethoden, Experimentierfreude – dies waren die bestimmenden Merkmale des wirtschaftlichen Lebens in Babylon. Auf dieser Basis vollzog sich jenes „Wunder“, von denen uns die Legenden berichten.
Reichhaltige und vor allem höchst unterschiedliche Zeugnisse materieller Kultur vermitteln in diesem Abschnitt der Ausstellung ein lebendiges Bild über die babylonische Wirtschaft, den Ackerbau und die Viehhaltung, die unterschiedlichsten Handwerksformen, den Fernhandel und die Wirtschaftsverwaltung.
Babylon: Mythos
(Ausstellungkapitel im Nordflügel des Peragmonmuseums)
Babylon dient seit Jahrtausenden als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation. Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn - in der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babylon verknüpft mit den Urängsten der Menschheit.
In diesem Teil der Ausstellung erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Sie werden auf eine Expedition geschickt zu den geheimnisvollen Quellen dieses Bildes, seiner Entstehung und Tradierung über die Jahrhunderte bis heute. Hier wird nicht die historische Wahrheit über Babylon erzählt, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babylon braucht, um sich selbst zu verstehen.
Babylon-System
Das „Babylon System“ führt in die Zeit der Jüdischen Gefangenschaft und damit zum Ursprung aller Babylon-Mythen. Keineswegs erlitten die Juden im Babylonischen Exil unter Nebukadnezar II. (605-652 v. Chr.) ein leidvolles Martyrium unter barbarischer Fremdherrschaft. Vielmehr erfuhren sie eine wohlwollende Behandlung, die ihnen die Fortführung der jüdischen Traditionen und die Entfaltung ihrer religiösen Identität erlaubte. Dennoch wurde die Gefangennahme der Israeliten in der christlichen Überlieferung zu einer Leitmetapher für Verfolgung, Knechtschaft und Unterdrückung. Die junge Judäerin Judith beispielsweise, die den babylonischen Heerführer Holofernes bei der Belagerung ihrer Heimatstadt Bethulia enthauptete – eine apokryphe Geschichte (Judith 10-13), die in der Bibel ohne historische Basis in die Zeit Nebukadnezars verlegt wurde –, wurde zu einer Identifikationsfigur
der Verfolgung und des Widerstands.
In gleicher Weise mythifiziert wurden der nach Babylon verschleppte und von Nebukadnezar in die Löwengrube geworfene Prophet Daniel (Daniel 6, 1-27) sowie Jeremias, der Künder, der die Zerstörung Jerusalems weissagte und trauernd auf den Trümmern seiner Stadt zurückblieb (Jeremia 21,3-14). Diese Schreckensszenarien werden ergänzt durch die zahlreichen Illustrationen und Vertonungen des Psalms 137 über die Trauer der ihrer Freiheit beraubten Juden „an den Wassern zu Babel“, fern ihrer Heimat. Dieser Mythos übertrug sich in der Vorstellungswelt der jamaikanischen Rastafari – ausgehend von der kolonialen Versklavung und Verschleppung ihrer afrikanischen Vorfahren in die Karibik – auf die gesamte westliche Zivilisation und prägte den Begriff
des „Babylon-Systems“.
Nebukadnezar
Die Geschichte kennt Nebukadnezar II, den Begründer des neubabylonischen Reiches, als ruhmreichen Heerführer und erfolgreichen Staatsmann, der sein eigenes Land zu großem Wohlstand und innerem Frieden führte. Oftmals fälschlich mit Nimrod gleichgesetzt, nennt ihn die Bibel einen „gewaltigen Jäger vor dem Herrn“ (1. Mose 10, 9). Im Alten Testament wird er als gottloser Tyrann dargestellt, als erbarmungsloser Zerstörer Jerusalems und maßloser Despot. Seiner Befehlsgewalt entmachtet endete er, für die begangene Todsünde der Superbia büßend, schließlich im Wahnsinn. Im Mittelalter und in der Renaissance wurde Nebukadnezar zur populärsten Negativfigur der Herrschaftskritik. Sein historisch nicht verbürgter Befehl, die drei Freunde Daniels in den Feuerofen zu werfen (Daniel 3,1-30), nimmt in schrecklicher Weise den Holocaust voraus. Als vorgeblich legitimer Nachfolger stellte sich Saddam Hussein in die fiktive Erbfolge Nebukadnezars. Beide verband über die Jahrtausende hinweg das brennende Verlangen nach triumphaler Herrschaft über ein Weltreich. Gleichermaßen mündeten die Visionen von der allmächtigen Regentschaft eines Welt umfassenden Imperiums bei beiden Herrschern in der absoluten Niederlage.
Stadt der Sünde
Der Begriff der Sünde wurde im Babylonischen im umfassenden Sinne als Begriff für schuldhaftes Vergehen gegenüber den sittlichen Maßstäben menschlicher und göttlicher Natur genutzt. Eine Begriffswelt unmoralischer Handlungen im sexuellen Umfeld existierte nicht. Das die Neuzeit beherrschende Zerrbild von Babylon als Stadt der Sünde hat seinen Ursprung bei Augustinus (354-430 n. Chr.), dem bedeutendsten christlichen Gelehrten der Spätantike. In seiner Schrift „De Civitate Dei“ entwickelte Augustinus die Idee vom Gottesstaat, verkörpert durch das himmlische Jerusalem, der dem irdischen Staat als von widergöttlichen Kräften beherrschtes Reich des Bösen, manifestiert im teuflischen Babylon, gegenübersteht. Ausgehend von diesen zwei, in allen Gesellschaften präsenten Reichen, entwirft Augustinus eine umfassende Menschheitsgeschichte.
Ein Jahrtausend später greift Martin Luther (1483-1546) dieses Denkbild auf und setzt in seiner programmatischen Schrift „De Captivitate Babylonica“ Rom als Zentrum der ihm verhassten katholischen Welt mit der babylonischen Hure gleich. Dieser Vergleich wurde geprägt durch die von der Offenbarung des Johannes ausgehende Symbolik Babylons als gottesfeindliche Macht und Metropole der Sünde und Dekadenz.
Auch in der Bilderwelt des 20. und 21. Jahrhundert kursiert dieses Bild von Babylon als Metropole der verbotenen – und ebenso oft verlockenden – Lüste, kulminierend nicht zuletzt im Genre der Pornographie.
Semiramis
Die Legende der sagenhaften Gründerin der Stadt Babylon, Semiramis, deren Name vermutlich auf die assyrische Königin Šammuramat zurückgeht, entstammt den Schriften der antiken griechischen Historiker. Herodot (um 484-420 v. Chr.) beschreibt sie als Königin, die ganz Asien regierte. Diodor (1. Jh. v. Chr.) erwähnt sie als Tochter der syrischen Göttin Derketo von Askalon und schildert ihre ruhmreiche Errichtung der glanzvollen Stadt Babylon mit den Hängenden Gärten, die seit der Neuzeit zu den sieben Weltwundern der Antike gezählt wurden.
Außerdem stellt er sie in das Licht einer Männer verschlingenden Königin und mächtigen Kriegerin, die das feindliche Heer der Meder besiegte. Athenagoras von Athen (2. Jh. n. Chr.), einer der Apologeten, bezeichnet Semiramis in seiner Schrift „Legatio pro Christianis“ als „unzüchtiges und mörderisches Weib“.
Diesen vermeintlich historischen Quellen entsprang der Mythos einer anrüchigen und lüsternen „femme fatale“, die zur geheimnisvollen Protagonistin zahlreicher literarischer Werke, Opern und Theaterstücke wurde. In Dante Alighieris (1265-1321) „Göttlicher Komödie“ wird sie als Sünderin der maßlosen Wollust und Willensschwäche in den zweiten Höllenkreis des Inferno verbannt. Der österreichische Autor Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895), verschrien als Schilderer sexueller Ausschweifungen und Perversionen, widmete der Mythen umwobenen Babylonierin seinen Roman „Afrikas Semiramis“ und stellt sie in das Licht einer wollüstigen Exotin. Der Regisseur Carlo Ludovico Bragaglia (1894-1998) verlegt in seinem schauprächtigen Monumentalfilm „Semiramis. Die Kurtisane von Babylon“ (1954) die Geschichte der sagenhaften Frau endgültig ins Halbweltmilieu.
Der Turm
Der in der antiken Stadt Babylon stehende Tempelturm des Stadtgottes Marduk besaß die Form einer stufenförmigen Zikkurrat auf rechteckigem Grundriss. In der europäischen Kunstgeschichte jedoch erscheint der Turm stets in der Gestalt der jeweils zeitgenössischen Architekturepoche: In mittelalterlichen Handschriften, die zumeist den Turmbau zu Babel unter Schilderung aller handwerklichen Details in den Mittelpunkt stellen, tritt er auf als Wehrturm, abgelöst von Bauwerken, die an gotischen Kirchtürmen orientiert sind. Mit der Wiederentdeckung und neuen Wertschätzung der antiken Bauformen des Kolloseums in der Renaissance, initiiert vor allem durch Filippo Brunelleschi (1377- 1446) und Leon Battista Alberti (1404-1472), nimmt auch der Babylonische Turm seine runde Form an. Diese Vorstellung des Bauwerks, nach dem Vorbild von Pieter Breughel d.Ä. (1525/31- 1569), prägte die folgenden Jahrhunderte: Zahllose Turmbilder entstehen kongenial in der Nachfolge des großen niederländischen Meisters.
Als gigantisches Denkmal für den Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts errichtete Gustave Eiffel (1832-1923) zur Weltausstellung 1889 seinen eisernen Turm, dessen Bau seinerzeit den Protest der Künstler hervorrief. In deren berühmtem Manifest wurde er als „nutzloser und monströser“ „neuer Turm zu Babel“ bezeichnet. Bis heute ist der Babylonische Turm Synonym für eine Kolossalarchitektur, deren Ambition keine menschlichen Grenzen kennt. So erhielt New York in der gigantomanischen Bauwut der 1920er Jahre seinen Beinamen „New Babylon“, sich eindrucksvoll spiegelnd in Fritz Langs Machtarchitekturen von „Metropolis“ (1927). Diese negative Bedeutung des Turms als Kathedrale des Bösen, geprägt durch den Größenwahn und Hochmut seines legendenhaften Erbauers Nimrod, lebt in der Populärkultur bis heute fort, beispielsweise in Saurons Turm Barad-dûr in der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“ (2001-2003).
Die Apokalypse
Für eine gewaltsame Zerstörung der Stadt Babylon, wie in der Genesis (1. Mose 11,5), bei den Propheten (Jesaia 13,1-22; Jeremia 50,1-3) und in der Apokalypse des Johannes (Offenbarung 18, 1-24) geschildert, ist kein historischer Beleg bekannt.
Nach der Eroberung Babylons durch den Perser Kyros II (539 v. Chr.), verlor die Stadt ihre einstige Größe und wich in ihrer Bedeutung neu gegründeten Siedlungszentren. In der Apokalypse des Johannes entlädt sich Gottes apokalyptischer, sich ankündigend im Auftritt der Großen Hure Babylon (Offenbarung 17, 1-18), über der Stadt. Vor der Bestrafung der Verderbnis der Menschheit warnt typologisch bereits das Alte Testament: Gott prophezeit dem babylonischen König Belsazar während seines letzten ausschweifenden Gastmahls den Untergang seines Reiches mit den legendären Worten „Mene mene tekel u-parsin“. Daniel deutet die Verkündung: „Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.“ (Daniel 5, 25-27).
Bis in die heutige Zivilisation ist die Zerstörung Babylons, der Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden, das symbolträchtigste Szenario eines selbst verschuldeten Untergangs. Auch die Angstbilder der nationalsozialistischen Verbrechen an der Menschheit und die vernichtenden Gräueltaten des beginnenden 21. Jahrhunderts sind auf beunruhigende Weise mit diesem Motiv des Niedergangs verknüpft.
Die Sprachverwirrung
Im multikulturellen Babylon lebten Menschen verschiedenster Nationen friedlich zusammen. In den Straßen der Stadt waren die unterschiedlichsten Sprachen aller Völker der Erde zu vernehmen. Dem gegenüber steht die biblische Überlieferung der Genesis, in der Gott die Anmaßung der Menschheit, verkörpert durch das größenwahnsinnige Turmbauprojekt, durch die Sprachverwirrung strafte: „Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in ihre Länder.“ (Mose 11, 7-9). Die babylonische Sprachverwirrung steht also für den Sündenfall einer urbanen Zivilisation, die den Bezug zur göttlichen Sprache der Natur verloren hat. An die Stelle der Sprache Gottes treten inunkontrollierbarer Vielfalt die Sprachen der Menschen.
Während der christliche Glaube auf die Erlösung durch das Pfingstwunder hofft, überrascht die Wissenschaft seit der Neuzeit mit immer neuen Lösungsvorschlägen: mit künstlichen Bildsprachen im Barock, mit der Idee der Telepathie oder der Erfindung von Volapük und Esperanto im 19. Jahrhundert sowie mit der Entwicklung von Übersetzungsprogrammen wie „babelfish“ im 20. Jahrhundert. Erst mit der Globalisierung unserer Zeit wird offenbar, dass Vielfalt auch Reichtum bedeuten kann.
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Zur Ausstellung ist im Hirmer-Verlag, München ein zweibändiger Katalog erschienen.
Babylon Mythos und Wahrheit
2 Bände, gebunden, 280 u. 648 Seiten mit zahlreichen farbigen
Abbildungen, ISBN: 978-3-7774-5005-6
Preis der Museumsausgabe ca. 39,90 €
Einzelbände
Bd. 1 »Wahrheit«
648 Seiten, 67 Tafeln in Farbe, 373 Abbildungen in Farbe, 3 Tafeln in schwarz-weiß, 11 Abbildungen in schwarz-weiß, 3 Karten, 13 Grafiken und 1 Grundrisszeichnung.
Bd. 2 »Mythos«
280 Seiten, 19 Tafeln in Farbe, 127 Abbildungen in Farbe, 6 Tafeln in schwarz-weiß, 49 Abbildungen in schwarz-weiß
Beide Bände 24,5 x 28 cm, gebunden.
München, 2008.
ISBN: 978-3-7774-5005-6
Beide Bände zusammen 55,00 Euro [D] | 93,00 SFR [CH]
Das zweibändige Katalogbuch zu der spektakulären Babylon-Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum präsentiert unter den Aspekten »Wahrheit« und »Mythos« zwei unterschiedliche Welten: in Band I die fundierte historische Wirklichkeit des versunkenen Babylonien und in Band II den tradierten mythischen Begriff von Babylon als Resonanz unserer abendländischen Zivilisation.
»Wahrheit«
Band I des Katalogbuches dokumentiert die aktuellen Ergebnisse der archäologischen und philologischen Erforschung der babylonischen Kulturgeschichte. Mit den hier versammelten ca. 600 Objekten – darunter Statuen, Reliefs, Weihegaben, Architekturteile und Schriftzeugnisse – wird die dreitausend Jahre zurückreichende Geschichte Babyloniens anschaulich belegt. Die Beiträge sachkundiger Autoren behandeln Themen wie »Königtum«, »Baukunst«, »Religion«, »Rechtswesen«, »Wirtschaft und Alltag« und »Wissenschaft«. Die archäologische Realität, die hinter dem sagenumwobenen Turm zu Babel steht, wird ebenso dargestellt wie das Nachleben der babylonischen Kultur in antiker, jüdischer, arabisch-islamischer und alttestamentarischer Tradition.
»Mythos«
Band II des Katalogbuches behandelt die mythische Vorstellung von Babylon als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Seine legendären Herrscher – Semiramis, Nimrod, Nebukadnezar – wurden zu historischen Prototypen von Macht und Gewalt, Wahn und Wolllust, der gigantische Turmbau zum Inbegriff zum Scheitern verurteilter Hybris und die Hängenden Gärten zum Sinnbild für Ruhm und Pracht der altorientalischen Stadt am Euphrat. In elf Essays werden die geheimnisvollen Quellen des Mythos Babylon erforscht und seine verschiedenen Darstellungsformen anhand von Rezeptionen aus der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte bis in die Gegenwart aufgezeigt und interpretiert.