Rolf Brütting/Günter Kolende
Anlässlich der 60. Wiederkehr des Kriegsendes und der Befreiung vom Faschismus im Jahr 2005 nahm der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands als Kooperationspartner an einer von der US-amerikanischen Organisation "March of the Living" veranstalteten Gedächtnisreise nach Polen teil.
Monoton und eindringlich zählt eine Männerstimme im Lautsprecher schon seit vielen Stunden Namen um Namen auf: "Rosenzweig, Ida/Germania - Wassermann, Istvan/Hungaria - Apfelgrün, Viktor/Austria - Levi, Adolf/Latvia" - Name, Vorname/Land - Name, Vorname/Land. Je mehr sich die diesjährigen Teilnehmer des Schweigemarsches der über 20.000 Juden und Nichtjuden aus aller Welt dem Gleis und der Rampe im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau näherten, um so stärker wurden auch wir von der bedrückenden Atmosphäre erfasst, die von diesem Vernichtungslager ausgeht. In diesem Jahr, 60 Jahre nach Kriegsende, waren zum ersten Mal auch 35 deutsche Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer sowie einige Jugendliche aus einem Gymnasium in Mainz zu dieser Gedenkveranstaltung eingeladen und bekannten sich einmütig zu einem "Nie wieder!". Bei diesem "March of the Living" spürten wir hautnah, warum wir hier sind, hier sein müssen als "History Teachers Germany", wie auf dem Schild steht, das uns die Organisatoren gegeben haben und das wir nach einigem Zögern vor unserer Gruppe des "Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands" hertrugen. Wir erhielten durchgängig nur positives Echo, erhobene Daumen, freundliches Zunicken, verhaltenen Beifall.
Der hohle Klang des traditionellen liturgischen Widderhorns, der Shofar, gab das Signal für den Beginn des "March of the Living" - so nennt sich eine internationale Initiative, die seit 1988 alljährlich am Yom Hashoa, dem jüdischen Gedenktag an den Holocaust, in Oswiecim/Auschwitz stattfindet. Erwachsene und jugendliche Juden aus der ganzen Welt gingen an diesem 5. Mai 2005 unter grauem Himmel und Nieselregen in scheinbar unendlichen Reihen vom Stammlager Auschwitz durch das Tor mit der infamen Devise "Arbeit macht frei" drei Kilometer zum Vernichtungslager Birkenau, wo über eine Million Männer, Frauen und Kinder, die meisten von ihnen Juden, in industrieller Perfektion grausam ermordet wurden. Der "March of the Living" ist auch ein durchaus triumphierendes Symbol gegen die von der SS fluchtartig herbeigeführten Todesmärsche in den Untergang der Winterkälte 1945.
Die Shoa stellt ein zentrales Element der israelischen Identität dar, aber auch um sie herrschte lange Zeit ein großes traumatisches Schweigen in Israel selbst. Ariel Sharon war begleitet von Überlebenden der Shoa nach Auschwitz gekommen und er betonte in seiner Ansprache, dass nun die Großeltern mit ihren Enkeln in der Uniform der israelischen Armee hier stünden, mit gebeugten Köpfen, aber stolz, wenn auch die Augen mit Tränen gefüllt seien. Sie sollten immer der Opfer gedenken und nie die Mörder vergessen sowie das Schweigen der Welt während der Jahre der Vernichtung. Der Nobelpreisträger und Auschwitz-Häftling Elie Wiesel bekräftigte, hier sei der Ort, der das Ende der Geschichte des jüdischen Volkes habe bedeuten sollen; doch die jüdische Geschichte gehe weiter, verwundet zwar, doch nicht ausgelöscht.
In Anwesenheit des polnischen Premierministers Marek Belka und seines ungarischen Kollegen Ferenc Gyurcsany unterstrich der Oberrabbiner von Tel Aviv, Yisrael Lau, ein Überlebender von Auschwitz, das Unbegreifliche erschütternd mit seiner ständigen Frage "Why!?", die ihn an jedem Lagertag unter Terror und Qualen angefallen und seither nicht mehr losgelassen habe. "Warum!?" - Er bot keine einfachen Antworten, sei er doch sehr irritiert gewesen, bei seiner ersten Rückkehr nach Birkenau vor über zwanzig Jahren an einer Barackenwand das Wort "nekama" gelesen zu haben, das jüdische Wort für Rache oder Revanche. Er hob eindringlich hervor, die Antwort könne nie Rache im überkommenen Sinn des Wortes sein: "The revenge is that we are here. The revenge is that we are home; the revenge is in that we have a homeland; the revenge is that we have a garden of Israel; the revenge is that we have come here with a blue-and-white flag and a Star of David." Die ergreifende Zeremonie schloss nach dem jüdischen Gottespreisgebet trotz aller Trauer, dem Kaddish, mit der israelischen Nationalhymne Hatikvah.
Unser Aufenthalt in der Zeit vom 4. bis 7. Mai war von einem umfangreichen Bcsuchs- und Begegnungsprogramm geprägt, denn die Veranstalter des "March of the Living" (MOL) aus den USA, der VGD und die Anti-Defamation League (ADL) hatten diesen "March" als eine "Geschichts- und Gedenkreise für Multiplikatoren, Lehrkräfte und Pädagoginnen" ganz im Sinne des Gründers und Präsidenten des MOL, des israelischen Parlamentsabgeordneten Avraham Hichson, vorgesehen. Am 6. Mai konnten wir nach einer Führung durch das zum Museum des Grauens gewordene Stammlager an der Eröffnung einer Fotoausstellung in der Internationalen Jugendbildungsstätte in Auschwitz teilnehmen, die Henryk Mandelbaum gewidmet war, einem der wenigen Überlebenden des so genannten Sonderkommandos in Birkenau, der zum Protokollanten dieser Hölle wurde. Gideon Greif, Historiker der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, leitete mit so konkreten wie sensiblen Worten in das einfach Unfassbare der Ausstellung ein; seine Gespräche mit Überlebenden veröffentlichte er in seinem Buch "Wir weinten tränenlos - Augenzeugenberichte des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz".
Dieses Kommando umfasste bis zu über 900 Personen und wurde in teuflischer Weise zu den fürchterlichsten Arbeiten gezwungen: die ermordeten Juden schleiften sie aus den Gaskammern und warfen sie in die Feueröffnungen der Krematorien, sie brachen ihnen die Goldzähne aus, schnitten die Haare ab, zerstampften die Knochenreste und verstreuten die Asche der Opfer. Entmenschlicht, aller Würde und Selbstachtung beraubt, arbeiteten diese Verdammten robotergleich in den Tag- und Nachtschichten der Vernichtungsindustrie. Ihre verzweifelte Revolte am 7. Oktober 1944 zerstörte ein Krematorium und bleibt trotz ihres Scheiterns ein herausragendes Beispiel für jüdischen Widerstand.
Neben solcher indirekten Zeugenschaft gegenüber dem Zivilisationsbruch standen in dieser Woche die Begegnungen mit den steinernen Resten des unwiederbringlich Dahingegangenen einer deutsch-jüdischen Gemeinsamkeit, die nun zum Zeichen einer Renaissance jüdischen Lebens in Polen werden: der jüdische Friedhof in Breslau mit dem Grab von Ferdinand Lassalle, die in Umrissen wiedererstandene Synagoge, das jüdische Viertel Kazimierz in Krakau mit dem neuen galizisch-jüdischen Museum, das in melancholischen Großfotografien dem Gewesenen ein Gesicht gibt. Den Abschluss bildete eine Spurensuche zwischen Film und Wirklichkeit, die Fabrik Oskar Schindlers, die Reste des Ghettos und die grünen Wiesen, unter deren scheinbarer Harmlosigkeit das KZ Plaschow verschwunden ist.