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"Tag des Sieges? Tag der Befreiung?"

Ein Tagungsbericht von Peter Lautzas

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes fand vom 5. bis 10. Mai 2005 in Riga und Kaliningrad/Königsberg ein trinationales Symposium statt mit dem Titel: "Tag des Sieges? Tag der Befreiung?" Initiiert von Prof. Misans/Riga bestand das Ziel darin, anlässlich dieses für alle aktuellen und zugleich recht kontrovers gesehenen Datums den Dialog zwischen Lettland, Deutschland und Russland anzubahnen. Und das ist auch, trotz mancher Schwierigkeiten, vollauf gelungen.

Ursprünglich als Veranstaltung mit zumindest halboffiziellem Charakter und großer Öffentlichkeit geplant, wurde das Symposium angesichts der - zunehmenden - politischen Brisanz (besonders zwischen Lettland und Russland) dann lediglich als wissenschaftliche Konferenz mit Begegnungscharakter auf der Ebene eines Universitätsseminars durchgeführt, veranstaltet von den Universitäten Mainz (Prof. Kusber), Riga (Proff. Misans und Feldmanis) und Kaliningrad (Prof. Maslov), unterstützt vom Goethe-Institut in Riga und (zum größten Teil) finanziert von der Robert-Bosch-Stiftung.

Der erste, wissenschaftliche Teil fand in Riga statt. Zunächst trugen die Studenten ihre jeweils in einem Semester erarbeiteten Ergebnisse zur Endphase des Zweiten Weltkrieges vor und diskutierten diese in gemischten Gruppen unter den Aspekten: Das Kriegsende in der wissenschaftlichen Literatur, in der Presse und in den Schulbüchern. Es folgten Referate zu diesen Bereichen aus der Sicht eines jeden Landes von je einem Wissenschaftler und einem Experten aus dem Bildungsbereich. In diesem Zusammenhang war der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands eingeladen worden, dessen Vorsitzender den entsprechenden Vortrag hielt ("Die Darstellung des Kriegsendes m den Schulgeschichtsbüchern Deutschlands 1945-2005").

Im Verlauf der im Übrigen gut organisierten und in angenehmer und freundlicher Atmosphäre ablaufenden Konferenz wurde deutlich, wie schwierig die Verständigung ist (wobei die sprachlichen Probleme noch die geringste Rolle spielten):
- Die Russen beharren unnachgiebig auf ihrer führenden Rolle beim Sieg über die Nazi-Herrschaft, sind nicht bereit, eigene Verfehlungen anzuerkennen und betrachten die Okkupation Osteuropas als Befreiungs- und Aufbautat.
- Die antirussische Haltung in Lettland ist nach wie vor ausgeprägt vorhanden, ja wird durch zunehmende nationale Strömungen stärker, zumal Russland die Emanzipation der baltischen Staaten im Grunde nicht als historisch berechtigt akzeptiert.
- Die negative Rolle Deutschlands im baltischen Raum wird auf Grund des massiven russisch-lettischen Gegensatzes nahezu in den Hintergrund gedrängt.
- Probleme in der Methodik des Diskurses vor allem bei den russischen Teilnehmern, d.h. das Verlassen des Schwarz-Weiß-Schemas, erschweren das Gespräch.
- Eine entwickelte Erinnerungskultur ist in Russland nicht, in Lettland noch nicht vorhanden.

Der zweite Teil der Veranstaltung fand, nach Besichtigung des Gebietes um den ehemaligen Kurland-Kessel und des ehemaligen Hauptquartiers "Wolfsschanze" in Polen, in Kaliningrad/Königsberg statt. Der Termin war so gelegt worden, dass die Teilnehmer an den Feierlichkeiten am 9. Mai, den Russland als Tag des Kriegsendes betrachtet, teilnehmen konnten. Als Geste der Versöhnung wurden die lettischen und deutschen Gäste eingeladen, am Marsch zum zentralen Denkmal teilzunehmen - fanden sich dann allerdings umgeben von Putin-Anhängern und neubolschewistischen Gruppierungen mit Stalin-Plakaten wieder. Bei der anschließenden - etwas deprimierenden - Stadtführung wurde uns neben dem wieder aufgebautem Dom, dem Kant- und dem (erhaltenem) Schiller-Denkmal auch die 1999 neu errichtete Plastik des rehabilitierten U-Boot-Kommandanten Marinesko präsentiert, der 1945 die "Gustloff" und die "Steuben" versenkte. (Günter Grass berichtet in seinem Roman "Im Krebsgang" bekanntlich darüber.) Die Heroisierung der Sowjetarmee ist allerorten sichtbar, sie scheint in diesem Jahr besonders ausgeprägt zu sein. Konnten im wissenschaftlichen Gespräch viele Fragen nicht gelöst, die unterschiedlichen Sichtweisen nicht zur Deckung gebracht werden, so gestaltete sich die menschliche Begegnung unter den Studenten deutlich erfreulicher. Und das lässt hoffen. Als erster Versuch einer Verständigung zur Anbahnung weiterer Diskussionen war die Veranstaltung insgesamt ein beachtenswerter Erfolg, denn die Bereitschaft zum Gespräch war auf allen Seiten vorhanden. Aus diesem Grunde sollen die Kontakte weitergeführt werden, als nächstes mit einem (geplanten) Seminar zum Molotow-Ribbentrop-Pakt. An diesem eng begrenzten und sehr kontroversen Thema könnte auch eine Methodik der Verständigung erarbeitet werden: über die Fixierung unbestreitbarer Fakten hm zur Beschreibung der unterschiedlichen Sichtweisen und zur Bewusstmachung des jeweiligen Erkenntnisinteresses und dessen Funktion (und damit dessen Relativierung), schließlich - idealiter - über das Verstehen des Gegenüber zur Akzeptanz und in gewissem Rahmen zur Tolerierung der anderen Position. Damit könnte eine sich ein wenig politisch verstehende Geschichtswissenschaft erheblich zur Völkerverständigung beitragen.



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