Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.
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Das Baltikum auf dem Weg nach Europa


Das Bild vom anderen im Geschichtsunterricht Lettlands und Deutschlands - gemeinsame Konferenz der Verbände der Geschichtslehrer Deutschlands und Lettlands in Riga (Teil II)
Gertrud Liedtke


Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Lettlands stellen, wie in den Gesprächen und Vorträgen immer wieder deutlich wurde, insbesondere die Lehrer und Lehrerinnen vor neue Probleme. Die Schülergruppen seien weder in den Schulen mit lettischer Unterrichtssprache noch in den Schulen der nationalen Minderheiten homogen, immer neu stelle sich die Frage nach dem Kulturmilieu der einzelnen Schülerinnen und Schüler, führte Dr. J. Goldmannis in seinem äußerst informativen Vortrag über Geschichtsunterricht und Schulbücher in Lettland aus. Angesichts einer solchen ethnischen Vielfalt und eines weiten Netzes der Sozialisationsinstitutionen stelle sich die Frage nach der multikulturellen Bildung, die den Kindern Verständnis für die Kultur und die Geschichte verschiedener ethnischer Gruppen verschaffe sowie sie für das Leben in einer ethnisch und kulturell heterogenen Gesellschaft vorbereite. Zur Situation des Unterrichts sagte er abschließend: "Eine lange Zeit ähnelten unsere Schulbücher für Geschichte, insbesondere was die lettische Geschichte anbelangt, einem Predigtbuch, wo das illustrative Material, die Karten und Quellen hauptsächlich nur als eine Ergänzung für die pathetisch vorgetragene Interpretation des Autors gegolten haben. In den neuesten Lehrbüchern und -mitteln wird viel mehr auf die Entwicklung der Kenntnisse und Fertigkeiten der Schüler in der Arbeit mit unterschiedlichen Geschichtsquellen sowie einer kritischen Auswertung der widerspruchsvollen und sensiblen Fragen der Geschichtsforschung geachtet." Es sei Ziel, diese neuesten didaktischen und methodischen Standards der Lehrerschaft insgesamt auf der Basis der heute leider noch zu geringen Anzahl neuer Unterrichtmaterialien und fehlender staatlicher Lehrerfortbildung zu vermitteln.

Die Situation des Faches Geschichte und den Stand der Geschichtsdidaktik in Deutschland heute unter besonderer Berücksichtigung der Probleme in den neuen und alten Bundesländern stellte Dr. R. Brütting, der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, dar. Die lettischen Kolleginnen und Kollegen interessierten sich vor allem für die Umstellungsprobleme der neuen Bundesländer von einem kommunistischen in ein demokratisches System auch im Vergleich zur Situation Lettlands.

Der Vortrag von Dr. V. Klisans, Referent am Ministerium für Bildung und Wissenschaft, über die lettische Lehrplansituation und das lettische Prüfungssystem im Fach Geschichte machte deutlich, dass man sich sehr um die europäischen Standards bemüht und bereits viel erreicht wurde, es jedoch an personellen und materiellen Ressourcen fehlt.

G. Liedtke, Beauftragte für Internationale Beziehungen im VGD, betrachtete in ihren Ausführungen kritisch den Stellenwert des Themas "Europa" bzw. "Deutschland in Europa" in den Richtlinien und Lehrplänen des Fachs Geschichte in NRW, skizzierte den fachwissenschaftlichen Hintergrund und stellte exemplarisch didaktische und methodische Entwürfe von Unterrichtsreihen zu diesem Thema vor.

Über die Vorträge und Diskussionen hinaus führten uns die lettischen Kolleginnen und Kollegen auf einen Gang durch die Kultur und Geschichte Lettlands, der uns insbesondere verschiedene Dimensionen historischer Erfahrung der deutschen und lettischen Vergangenheit deutlich werden ließ. Die Fülle der Restaurierungen dient einerseits der Sicherung und der Bewusstmachung nationalen Erbes, andererseits fördert sie das touristische Interesse. Exemplarisch wählten die lettischen Kolleginnen und Kollegen Plätze und Ereignisse aus, um uns die wechselvolle Geschichte ihres Landes zu vermitteln. Beispielhaft für die frühe Besiedlung ist die alte Wohninsel der Lettgallen, Araisi, in einem See der livländischen Landschaft. Es handelt sich um Ausgrabungen und Rekonstruktionen von Wohn-, Wirtschafts- und Schutzbauten in der Nähe der Stadt Cesis aus dem 9./10. Jahrhundert. In der Nähe liegt das zugehörige flache Gräberfeld der späten Eisenzeit (9.-12. Jahrhundert). Cesis, 1209 durch den Schwertbrüderorden (Wenno von Rorbach, 1202-1209) gegründet, wurde vom livländischen Ordenskomtur Herman Bahlke zur Residenz erhoben, die heute sichtbare monumentale Form entstand unter Walter von Plettenberg (1494-1535) - ein Platz, an dem Historie und Mythenbildung ineinander übergehen. An die Zeiten der Hanse erinnerten die St. Johannes-Kirche in Riga, unsere Tagungsräume und die Empfänge im Reuternhaus und im Menzendorfhaus.

Eindrucksvoll machten die Führung und die unterrichtlichen Angebote des Okkupationsmuseums die Auseinandersetzung der Letten mit ihrer Geschichte des 20. Jahrhunderts deutlich. Für die deutschen Teilnehmer waren die Präsentationen gleichermaßen überraschend und erhellend. Die Darstellung sowie die historische Beurteilung der sowjetrussischen Okkupation Lettlands seit der Besetzung durch die Rote Armee infolge des Hitler-Stalin-Paktes drängten die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur auffallend stark in den Hintergrund - eine Sichtweise, die sicher durch die historisch-politischen Erfahrungen Lettlands bis in die jüngste Zeit geprägt ist.

Interessante Einblicke und Gespräche brachten die Besuche in einer lettischen und einer russischen Schule. Auch hier wurde der Wunsch nach Kontakten mit deutschen Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern deutlich. Die engagierte Zusammenarbeit des lettischen und des deutschen Geschichtslehrerverbandes, die Gastfreundlichkeit der lettischen Kolleginnen und Kollegen, ihre hervorragende Fachkompetenz, ihr Interesse an weiterer Zusammenarbeit sowie die hohe Einsatzbereitschaft der Vertreter des Geschichtslehrerverbandes Deutschlands machten dieses Projekt zu einem Erfolg. Der Geschichtslehrerverband Deutschlands sieht sich in seiner Politik der Öffnung zu den neuen Beitrittsländern der EU in Ostmitteleuropa bestätigt und plant ein weiteres internationales Treffen im Juli 2005 in Berlin.



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