Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.
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Gespräch mit dem Islam (Tagungsbericht)

 

Auf Initiative von Professor Mohamed Mansour von der Al Azhar-Universität in Kairo und seine Anfrage an den Verband der Geschichtslehrer Deutschlands fand am 6. Mai 2008 in der Botschaft der Arabischen Republik Ägypten zu Berlin, veranstaltet von der Kulturabteilung in Verbindung mit dem Verband, ein Gespräch zum Thema „Islam“ statt. Die Botschaft hatte sich bereitwillig als Ort der Begegnung zur Verfügung gestellt und einen angenehmen und gastfreundlichen Rahmen dafür organisiert. Auf die Einladung der beiden Veranstalter hin hatten sich zu diesem ersten Gespräch insgesamt 20 Teilnehmer eingefunden, die sich aus Angehörigen der Botschaft, Funktionsträgern des Geschichtslehrerverband, Vertretern des Auswärtigen Amtes und der Berliner Senatsverwaltung, ferner einiger Verlage, Universitäten, islamischer und christlicher Organisationen sowie des Georg Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung zusammensetzten. Das Thema der Veranstaltung lautete: „Zum Bild der arabisch-islamischen Kultur in den Schulbüchern in Deutschland“, wobei besonders die in Deutschland zugelassenen Schulbücher für Geschichte Gegenstand der Betrachtung waren.

Einleitend betonten der Leiter der Kulturabteilung, Herr Professor Dr. Gala Elgemeie, und der Vorsitzende des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, Herr Dr. Peter Lautzas, ergänzt durch Ausführungen von Herrn Hossam Maarouf von der Deutsch-Arabischen Freundschaftsgesellschaft, die gegenseitige Bereitschaft, angesichts der inzwischen sich krisenhaft verschärfenden Gegensätze zwischen den vom Islam und die vom Christentum geprägten Kulturkreise, überall, wo sich die Gelegenheit bietet, Möglichkeiten der Begegnung zu nutzen und in einen Dialog einzutreten. Dabei gelte es als ersten Schritt, die zahlreichen Vorurteile und Missverständnisse auf beiden Seiten zu erfassen, aufzulösen und zu beseitigen .Ziel sollte nicht nur Toleranz zwischen den unterschiedlich religiös geprägten Kulturkreisen sein, sondern mehr als das: Respekt voreinander und Anerkennung der jeweils anderen kulturellen Tradition und Religion. Letztere ist im Christentum wie im Islam erheblich vielfältiger, als allgemein wahrgenommen wird, ja bekannt ist: Der kollektive Singular vereinfacht hier unzulässig und trägt bereits den Keim eines ersten elementaren Missverständnisses in sich.

 

Beim Bemühen um den Abbau von Vorurteilen und um eine bessere Verständigung spielt die Geschichte eine zentrale Rolle, denn viele Fragen und Probleme gehen auf lange Traditionen zurück und haben historische Wurzeln. Insofern begrüßte Dr.Lautzas die Entscheidung, dass der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands als Kooperationspartner für die genannten Bestrebungen angesprochen worden war.

 

Der anschließende Vortrag von Professor Mohamed Mansour befasste sich dann mit der Thematik im engeren Sinne, wobei er eindeutige Fehler benannte und Empfehlungen für verbesserte Fassungen aussprach. Professor Mansour gehört einer von der ägyptischen Regierung eingesetzten Kommission der Al Azhar-Universität an, die beauftragt ist, das Bild des Islam weltweit von Fehlinterpretationen und Vorurteilen zu befreien und diesen als friedfertige Religion darzustellen, ein Unterfangen, das nach dem berüchtigten 11. September 2001 ohne Zweifel sinnvoll und notwendig ist. Für die christlich geprägte Welt ist es erfreulich festzustellen, dass sich nach der verschwindend kleinen, leider aber terroristisch massiv in Erscheinung tretenden Zahl von Fundamentalisten sich nun zunehmend und immer lauter Stimmen aus der überwiegenden Mehrheit friedlich eingestellter Muslime erheben, entsprechende Aktivitäten entfaltet werden und man sich gegen Fehlinterpretationen zur Wehr setzt. Professor Mansour zeigte, belegt durch Auszüge von heute in Deutschland zugelassenen Geschichtsbüchern, divergierende Auffassungen und diskussionsbedürftige Problemfelder zu zentralen Fragen in folgenden Unterkapiteln auf:

* Zum Aspekt der historisch-kulturell-geographischen Verhältnisse in Arabien

* Islam als Religion und Glaube

* Die soziale Seite im Islam, v.a. in Bezug auf die Stellung der Frau

* Islam und Moderne

* Palästinakonflikt als nationale Frage

* Das Islambild im Christentum.

 

Als erster Schritt zu notwendigen Differenzierungen ist es nach Professor Mansour erforderlich

* islamische Religion und politischer Gebrauch derselben zu trennen, eine Unterscheidung, die für das Christentum und seine Geschichte von ebenso großer Bedeutung ist und nur allzu leicht vergessen wird;

* die historische Situation und die aus ihr erwachsene Zielrichtung in der Entstehung des Korans in Rechnung zu stellen. So dienten z.B. die Aussagen zur Rolle der Frau ursprünglich zu deren Sicherung von Rechten gegenüber dem Mann, der sie als Eigentum betrachtete;

* die effektheischende und vergröbernden Form der Berichterstattung in der Presse distanziert und kritisch zu betrachten. Der Referent zeigte an einem Beispiel jüngsten Datums aus dem Iran, welche Verfälschungen sich die Presse hier erlaubt.

Der Vortrag endete mit der als Aufforderung gedachten knappen Frage: Was können wir tun, um die Beziehungen zwischen dem islamisch und dem christlich geprägten Kulturkreis zu verbessern ?

 

Auf die Darlegungen von Professor Mansour folgten Beobachtungen und Analysen zum Islam in deutschen Geschichtsbüchern aus deutscher Sicht. Sie wurden kenntnisreich und detailliert formuliert von Oberstudiendirektor i.R. Dr. Gisbert Gemein, dem Leiter des Arbeitskreises „Begegnung der Kulturen“ im Verband der Geschichtslehrer. Der Geschichtslehrerverband hat die genannte Frage als zentrales Problem des Zusammenlebens in Deutschland und darüber hinaus erkannt und ist seit mehreren Jahren bemüht, mit Hilfe dieses Arbeitskreises, in dem Didaktiker, Schulpraktiker, Wissenschaftler und Vertreter themenrelevanter Institutionen zusammenarbeiten, entsprechende Vorschläge für den Bildungsbereich zu erarbeiten.

 

In 10 Thesen beschrieb Dr. Gemein präzise und aussagekräftig die Situation:

 

1. Seit den 70-er Jahren ist eine deutliche Verbesserung bei den deutschen Schulgeschichtsbüchern im Hinblick auf die Behandlung des Islam festzustellen.

2. Ursache dafür war eine vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung unter Leitung u.a. des Referenten durchgeführte Schulbuchanalyse, auf die die Verlage Revisionen reagierten.

3. Die seit Mitte der 80-er Jahre vom genannten Institut herausgegebenen Monographien zum Islam schufen gute Grundlagen für eine sachgerechtere Darstellung insbesondere für die Schulbuchgeneration der 90-er Jahre.

4. Die Schulbücher seit den 80-er Jahren thematisieren – oft stärker als gegenüber dem früher vorherrschenden militärischen Aspekt der Eroberungen – die Kulturleistungen der frühen islamischen Zeit, v.a. in Spanien.

5. Bei der Darstellung der Frühgeschichte des Islam werden neben dem Wirken Mohammeds in der Regel auch Informationen über die fünf Grundpfeiler, häufig auch über das monotheistische Gottesverständnis gegeben. Insgesamt berichten viele Schulbücher heute - bei noch einigen Defiziten – einigermaßen zuverlässig über den Islam.

6. Die Darstellung des Islam beschränkt sich aber, u.a. wegen zunehmender Tendenzen der Straffung und Kürzung in den letzten Jahren in den Schulen, auf wenige Zeiträume.

7. Aus den unter Ziff. 6 genannten Gründen gibt es kaum Hintergrund-Informationen über islamische Welt, ihre Lebensweise und Kultur.

8. Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit ist zu befürchten, dass das Thema „Islam“ tendenziell reduziert wird.

9. Die Ausführungen beziehen sich auf die Sekundarstufe I. In der Oberstufe stehen heut entsprechend den Lehrplänen Kulturvergleiche im Vordergrund, für die oft andere Kulturen als die islamische gewählt werden, z.B. China.

10. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass angesichts der heutigen Bedeutung der islamischen Welt eine verstärkte Behandlung der islamischen Geschichte von Nöten ist.

 

Nach den interessiert verfolgten Vorträgen, die in ihren unterschiedlichen Sichtweisen, aber gemeinsamen Intentionen bereits Konturen einer Zusammenarbeit und Vorgehenweise erkennen ließen, wurde in der anschließenden Diskussion deutlich,

* dass großes Interesse und intensive Bereitschaft zum Dialog auf Seiten der islamischen wie der christlich orientierten Teilnehmer festzustellen war,

* dass allgemein die dringende Notwendigkeit gesehen wurde, in der Frage der Verständigung, insbesondere im Hinblick auf eine erneute und erweiterte Schulbuchrevision tätig zu werden,

* dass in dem Kreis der Anwesenden die Bereitschaft zum Engagement und zur aktiven Mitarbeit an dieser Aufgabenstellung vorhanden war.

Aus diesem Grunde wurde von mehreren Seiten der dringende Wunsch geäußert, Wege zu finden, um den hier begonnenen Dialog fortzusetzen und als konkrete Ergebnisse in den Bildungsbereich einfließen zu lassen. Die Botschaft der Arabischen Republik Ägypten erklärte sich freundlicher Weise bereit, für diese Arbeit ihre Räume zur Verfügung zu stellen.

 

Peter Lautzas, Mainz

 

 

 



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